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Das alte Beijing erleben: Hutong-Museen schützen kulturelles Alltagserbe

2019-05-30 14:02:00 Source: Author:
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Von Zhang Pengyu*

 

Ein Glocken- und ein Trommelturm, blauer Himmel, über den weiße Wölkchen ziehen, Taubengurren und der Duft des Saftes von fermentierten Sojabohnen und gebratenen Teigstangen … Diese Szenerie, die viele einheimische Beijinger an das authentische Leben von damals in der alten kaiserlichen Hauptstadt erinnert und die auch magische Anziehungskraft auf Touristen aus aller Welt ausübt, ist heute nur noch in den historischen Hutong-Gässchen zu finden, die sich kreuz und quer durch die Altstadt schlängeln.

 

Die meisten Wohnhäuser in diesen malerischen Hutongs sind allerdings privat und für Besucher nicht öffentlich zugänglich. Sehenswürdigkeiten wie die Verbotene Stadt oder der Sommerpalast, in denen der Kaiser und seine Gemahlin residierten, sind zwar ebenfalls lohnenswerte Touristenziele, doch einen Einblick in den Alltag der einfachen Bevölkerung geben sie nicht.

 

Es stellt sich also die Frage, ob es denn keine Möglichkeit gibt, die Wohnhäuser und den Lebensstil der alten Beijinger an einem öffentlichen Ort nachzuempfinden? Doch, die gibt es! Und zwar in einigen Hutong-Museen. Sie bieten einen unschätzbar wertvollen Einblick in das Alltagsleben typischer Beijinger Familien.

 

Im Jahr 2013 öffnete zunächst das Shijia Hutong-Museum, das in der Hausnummer 24 des Shijia Hutongs im Bezirk Dongcheng liegt. Das Gebäude beherbergt das erste Hutong-Museum Beijings. Mit einer Fläche von mehr als 1000 Quadratmetern war es die ehemalige Residenz von Ling Shuhua, einer berühmten Schriftstellerin aus der Republik China (1912–1949). Heute können hier im Museum acht Ausstellungsräume besichtigt werden. Betrieben wird die Einrichtung vom Beijing Municipal Institute of City Planning and Design (BMICPD).

 

Im Oktober 2018 kam mit dem Dongsi Hutong-Museum eine zweite Anlaufstelle für Hutong-Liebhaber hinzu. Das Hauptgebäude dieses Museums stammt aus dem Jahr 1940. Der typische Vierseithof (Siheyuan), der hier besichtigt werden kann, hat eine Gesamtfläche von insgesamt 1023 Quadratmetern, und besteht aus drei Innenhöfen. Die spannenden Exponate in den insgesamt fünf Ausstellungsbereichen geben einen guten Einblick in das Leben und die Kultur in diesem Stadtteil.

 

 

 

Museum mit Nostalgiefaktor: Das Shijia Hutong-Museum, das im Jahr 2013 eröffnet wurde, erinnert nicht nur

die alten Beijinger an das Hutong-Leben von damals, sondern gibt auch der jüngeren Generation

 die Möglichkeit, die Beijinger Kultur durch einen anderen Sinneskanal zu erfahren.

 

 

Gemeinsamer Aufbau öffentlicher Kulturräume

 

Biegt man in die Shijia Hutong-Gasse ein, wird man vom Zwitschern der Vögel in den Bäumen empfangen. Ab und an klappern Fahrräder vorbei. Die Ortsansässigen sitzen vor ihren Wohnhäusern und plaudern. Zielsicher steuere ich auf einen traditionellen Siheyuan mit grauen Ziegeln, schwarzen Fliesen und goldenen Säulen zu, an dessen Eingang eine von dem berühmten Schriftsteller Shu Yi geschriebene Gedenktafel hängt. „Shijia Hutong-Museum“ steht darauf. Im Hof finden sich zwei große Phönixbäume und einige Vogelkäfige, die unter der Traufe hängen. Ich bin nicht der einzige, der seinen Weg hierher gefunden hat. Einige andere Besucher betrachten aufmerksam die Exponate im Ausstellungsraum und lassen sich über sie in das Leben der Vergangenheit entführen.

 

Ein Fahrrad der altehrwürdigen Marke „Flying Pigeon“ scheint die Besucher besonders in seinen Bann zu ziehen. Der Spender, Chen Ziyu, kam in den 1990er Jahren zur Welt und hat ein ausgeprägtes Interesse für die Geschichte und Kultur des alten Beijings. Fast jede freie Minute nutze Chen, um die Hauptstadt zu erkunden, wie er mir erzählt. Dabei habe er unter anderem unzählige Gassenschilder fotografiert. 2016 spendete er dieses Fahrrad an das Shijia Hutong-Museum.

 

„Ich selbst wohne nicht hier im Shijia Hutong, aber dieses Museum gefällt mir sehr“, sagt Chen. Unter den Gegenständen, die von den lokalen Einwohnern gespendet worden seien, fänden sich alte Fernseher, Tonbandgeräte und Nähmaschinen. „Aber es gab so gut wie keine Transportmittel. Deshalb habe ich beschlossen, das alte Fahrrad zu spenden und damit eine Lücke zu schließen“, erklärt er.

 

Das aus Manganstahl gefertigte Velo, Baujahr 1966, sei robust und doch leicht, schwärmt Chen. Es verfüge über eine raffinierte Bremstechnologie und spiegele das Spitzenniveau der chinesischen Fahrradtechnik von damals. „Der Neupreis lag früher bei 193 Yuan. Und das war damals ein ziemlicher Batzen Geld für normale Familien. Außerdem benötigte man einen besonderen Berechtigungsschein, um ein Fahrrad erwerben zu können“, erklärt Chen. Seit das Zweirad im Hutong-Museum steht, erregt es große Aufmerksamkeit unter den Besuchern. Viele knipsen Fotos von dem Oldtimer auf zwei Rädern, nicht wenige fragen, ob es noch funktionstüchtig ist.

 

In einem anderen Bereich des kleinen Museums kann man sich auf eine akustische Reise durch das Hutong-Leben in vier Jahrzeiten begeben. Hier lassen sich mehr als 80 Tonaufnahmen anhören, die ein ganzes Jahr über in den Hutongs eingefangen wurden, darunter das Singen von Zikaden und Vögeln, die Rufe von Verkäufern sowie der Klang ihrer Ausrüstungen, die sie traditionell verwenden, um auf ihre Waren und Dienstleistungen aufmerksam zu machen.

 

Die akustische Ausstellung wurde auf Initiative des Künstlers Qin Siyuan errichtet. Qin ist Enkel der Schriftstellerin Ling Shuhua. Die Klänge im Museum erinnern nicht nur die alten Beijinger an das Hutong-Leben von damals, sondern geben auch der jüngeren Generation die Möglichkeit, eine akustische Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen und die Beijinger Kultur durch einen anderen Sinneskanal zu erfahren.

 

Wang Hongguang, Planer des BMICPD, erklärt: „Eigentlich haben wir das Museum ursprünglich für die lokalen Einwohner eingerichtet. Wir möchten, dass sie es zu ihrem öffentlichen Kulturraum machen.“

 

Auch im neu eröffneten Dongsi Hutong-Museum sind spannende Exponate zu sehen, darunter alte Wasserbottiche, Kacheln und Käfige für zirpende Laubheuschrecken (Cyrtophyllus). Alle Stücke wurden von Einheimischen gespendet. Spenderin Liu Qiuqin ist selbst ein Kind der Hutongs und in Dongsi aufgewachsen. Sie spendete eine große Fischschüssel, die noch aus Zeiten der Republik China stammt. „Solche Bottiche, in denen traditionell Fische gezüchtet wurden, waren wesentlicher Bestandteil des Hoflebens. Durch dieses Exponat können die Besucher also mit einem Stück Alltagsleben der alten Beijinger in Berührung kommen“, begründet Liu ihre Spendenentscheidung.

 

Neben den alltäglichen Gebrauchsgegenständen sticht im Ausstellungsraum eine Gedenktafel ins Auge, die mit den Mottos der Familie Dong beschriftet ist. Die Familie Dong betrieb gegen Ende der Qing-Dynastie (1644–1911) vier kleine Privatbanken. Die acht chinesischen Schriftzeichen der Tafel, die jeweils für ein Motto stehen, spiegeln die Unternehmenskultur im alten Beijing. Zu ihren Kernwerten zählen Harmonie, Aufgeschlossenheit und Gelassenheit.

 

 

Im Shijia Hutong-Museum werden Exponate aus der Ming- und Qing-Dynastie (1368–1911) sowie

 der Republik China (1912–1949) ausgestellt.

 

Für eine harmonische Nachbarschaft

 

Das Shijia Hutong-Museum besteht mittlerweile seit mehr als fünf Jahren. Mit den Anwohnern hat es eine harmonische Symbiose entwickelt. Zu traditionellen chinesischen Feiertagen werden hier verschiedene Veranstaltungen organisiert. Beim letzten Qixi-Fest (chinesischer Valentinstag) dekorierten die Verantwortlichen beispielsweise einen Raum mit vielen Blumenkörben, der älteren Ehepaaren eine romantische Kulisse für Erinnerungsfotos bot. „Die Veranstaltungen erfreuen sich großer Beliebtheit“, sagt Li Shaobin, einer der Anwohner. Während des jährlichen Laba-Fests, das am 8. Tag des 12. Monats nach dem chinesischen Mondkalender stattfindet, lädt das Museum die Anwohner ein, gemeinsam Reisporridge mit Trockenfrüchten und Nüssen zuzubereiten und diesen dann gemeinsam zu genießen.

 

„Was hier im Shijia Hutong-Museum so angeboten wird, ist sehr interessant und hat mich sehr beeindruckt“, sagt Herr Mo, ein Besucher. „Während meines Studiums habe ich damals mit meiner Freundin an einem Kurs zur Herstellung von Beijinger Kunsthandwerk teilgenommen. Da haben wir aus Zikadenpanzern und den Knospen von Lilienmagnolien kleine Äffchen gebastelt. Die Zikadenpanzer verwendet man dabei als Kopf und Gliedmaßen, während die haarigen Blütenknospen den Körper bilden. Unser gemeinsames Kunstwerk wirkt sehr lebensecht und ist bis heute Zeugnis unserer Liebe. Der kleine Affe steht noch immer bei uns zu Hause“, sagt der junge Mann.

 

Wang Hongguang sagt: „Um bessere Wohnviertel zu schaffen, müssen wir verschiedene soziale Kräfte mobilisieren und alle Arten von Ressourcen zusammenführen. Ziel ist es, einen öffentlichen Raum für die Bewohner zu errichten.“ Dabei müsste unterschiedlichen Bedürfnissen Rechnung getragen werden. „Das Museum möchte das gegenseitige Verständnis und Vertrauen zwischen den Bewohnern fördern und damit eine Grundlage für die Verbesserung der Wohnumgebung und den Schutz der Hutong-Kultur schaffen“, erklärt Wang.

 

Mit Unterstützung der BMICPD-Planer hat das Chaoyangmen-Straßenkomitee im Jahr 2014 einen Verein zum Schutz der Kultur des Shijia Hutongs gegründet. Es ist eine Plattform für Bewohner, Eigentürmer, Experten und Freiwillige, über die sie sich gemeinsam am Schutz und der Erneuerung des Wohnviertels beteiligen können. Ziel ist es, das öffentliche Umfeld zu verbessern und ein Stück kulturelle Aufklärungsarbeit zu leisten. Repräsentativ für die Arbeit des Vereins und seine Erfolge ist das Projekt „Hutong Mikrogarten“.

 

Die Idee zu diesem Projekt entwickelten Professoren und Studenten der Central Academy of Fine Arts in Beijing. Unter ihrer Anleitung nutzten die Hutong-Bewohner Abfallmaterialien als Töpfe für den Anbau von Obst, Gemüse und anderen Pflanzen, um ihre Innenhöfe zu verschönern. Teekannen wurden für das Pflanzen von Blumen verwendet, alte Getränkedosen wurden zu Pflanzenregalen verarbeitet. Die Paprikaschoten, Auberginen, Gurken und Tomaten, die hier heute sprießen, haben nicht nur die Innenhöfe der Bewohner verschönert, sondern auch frischen Wind auf heimische Teller gezaubert. Zong Xiuying, eine ältere Bewohnerin des Hutongs, sagt: „Mein kleiner Hof war noch nie so schön wie heute mit den angebauten Paprikaschoten.“

 

Ma Yuming, Planer des BMICPD und Kurator des Shijia Hutong-Museums, erzählt, dass das Museum auch über einen kleinen Meetingraum verfüge, in dem die Bewohner Fragen über die infrastrukturellen Einrichtungen in den Hutongs wie beispielsweise Parkplätze und öffentliche Toiletten besprechen könnten. „Bei der Umgestaltung der Wohnhöfe haben wir mit Bewohnern, Sozialarbeitern und Designern zusammengearbeitet“, sagt Ma. In den letzten drei Jahren wurden auf diese Weise insgesamt sieben Wohnhöfe neu gestaltet. „Dabei haben wir nicht nur die Höfe aufgeräumt, sondern auch die Abwasserkanäle ausgebaggert und den Fußboden planiert. Wichtiger aber noch ist, dass wir Lagerregale, Blumenständer und Solarlampen für die Bewohner aufgestellt haben“, sagt Ma.

 

2017 wurde das vom BMICPD initiierte Projekt „Beteiligung der Öffentlichkeit an Schutz und Erneuerung des historischen Beijinger Straßenbezirks Süd-Dongsi“ vom chinesischen Ministerium für Wohnungswesen, städtische und ländliche Entwicklung mit dem „China Habitat Environment Award“ ausgezeichnet. Professorin Kathryn Moore, die ehemalige Präsidentin des Nationalen Landschaftsinstituts Großbritanniens, äußerte sich sehr positiv über das Projekt. Sie habe nicht erwartet, dass es in China ein so aktives Museum in einem Wohnviertel gebe, sagt sie. „Die Menschen dort haben sehr viele wunderbare Dinge auf die Beine gestellt“, so Moore.

 

 

 

Das im Oktober 2018 eröffnete Dongsi Hutong-Museum ist eine zweite Anlaufstelle für Hutong-Liebhaber.

 

Ein Ort wertvoller Erinnerungen

 

Wie lassen sich städtische Modernisierung und der Schutz der traditionellen Kultur einer Stadt unter einen Hut bringen? Und wie kann man die gesellschaftlichen Veränderungen für die Nachwelt dokumentieren? In den letzten Jahren wurden in ganz China zahlreiche Museen wie die Hutong-Museen in Beijing gegründet. Sie sind in den lokalen Wohnvierteln verwurzelt und zielen darauf ab, die traditionelle Kultur der Stadt im Gedächtnis zu behalten.

 

Im Januar 2018 wurde das Xiwang Garden Lane Museum, das erste Museum in dieser Shanghaier Gasse, offiziell eröffnet. Eine Nähmaschine der Marke „Schmetterling“, eine Standuhr der Marke „Sanwu“, einige Emaillebecher, chinesische Etuikleider (Qipao) und andere alte Gegenstände erzählen vom Leben im alten Shanghai und spiegeln die traditionelle Kultur dieser Metropole wider.

 

Im vergangenen Juli wurde auch im Wuxing-Wohnviertel in Chengdu, der Hauptstadt der südwestlichen Provinz Sichuan, ein Nostalgiemuseum eröffnet. Die ausgestellten Schubkarren, Bambusöfen und mehr als 600 weiteren Gegenstände, die allesamt von lokalen Bewohnern gespendet wurden, zeichnen die großen Veränderungen des täglichen Lebens der Chengduer von den 1930er Jahren bis in die 1990er Jahre nach. Das Museum ist insbesondere bei Einheimischen äußerst beliebt. Senioren schwelgen hier in Erinnerungen aus vergangenen Tagen, während junge Menschen die Straßenkultur und die Agrarkultur der Vergangenheit kennen lernen können. Im Museum werden außerdem Sprachkurse des lokalen Dialekts und Kochkurse für regionale Küche veranstaltet. Auch hierdurch soll das kulturelle Erbe gepflegt und der gemeinsame Aufbau der Wohnviertel gefördert werden.

 

Durch die Errichtung einer Ausstellung für historische Fotografien und die Umsetzung eines Projekts zur Sammlung und Kollation mündlich überlieferter Geschichten wurden unterdessen wertvolle Zeugnisse über das Beijinger Hutong-Leben für kommende Generationen aufbewahrt. In ihrer Ausstellung „Old Photos from Home“ erzählte Chang Jihong die Geschichte hinter den von ihr gespendeten Fotografien. Die Aufnahmen zeigen, wie sie und ihr Mann seit Jahrzehnten durch dick und dünn gegangen sind. Das Museumsteam, das für die Sammlung und Kollation mündlich überlieferter Geschichten zuständig ist, besucht die Einwohner zu Hause, um sich mit den Lebensszenerien in den früheren Hutongs vertraut zu machen.

 

„Kulturelle Entwicklung besitzt ihre eigene Lebenslinie“, sagt Zhang Zhiyong, Direktor des Dongsi-Straßenkomitees in Beijing. „Und kulturelles Selbstvertrauen kann sich nur auf der Grundlage des Wissens um die Besonderheiten der eigenen Kultur entwickeln. Die Hutong-Museen sind das geistige Zuhause der alten Beijinger und spiegeln die Geschichte und Kultur dieser traditionsreichen Stadt wider“, so Zhang.

 

*Zhang Pengyu ist Journalist der überseeischen Ausgabe von „People‘s Daily“.

 

 

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