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Mehr als nur ein Zeitmesser – Wie sich Chinas Aufstieg an einer Armbanduhr ablesen lässt

2018-05-28 14:35:00 Source:CRI Author:
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Von Wang Zhusheng*

 

Kurz vor Neujahr 2018 erhielt ich eine WeChat-Message von meinem Sohn. Er fragte mich, was ich mir als Neujahrsgeschenk wünschte. Man muss dazu sagen, dass mein Sohn gerade frisch ins Berufsleben gestartet ist und dementsprechend nicht viel Geld hat. Ich sagte ihm also, er brauche mir nichts schenken. Doch über mein Ausschlagen seines Angebots war mein Sprössling ziemlich enttäuscht. Ich erklärte also, er könne mir eine Armbanduhr schenken, wenn er mir unbedingt ein Geschenk machen wollte. Ein paar Tage später trudelt dann tatsächlich eine Armbanduhr per Expresspaket bei mir ein. Es war keine Luxusuhr, sondern ein Stück in der Preisklasse um die 1000 Yuan (130 Euro). Ich freute mich dennoch außerordentlich über den neuen Schmuck fürs Handgelenk und ich werde die Uhr immer tragen, da sie für mich eine wertvolle Aufmerksamkeit meines Sohnes ist.   

 


 Meine Nähmaschine, meine Armbanduhr, mein Fahrrad: Die sogenannten „großen Drei“ waren noch bis in die achtziger Jahre der Traum vieler junger Chinesen, die auf der Suche nach einem Lebenspartner waren.


Meine erste Armbanduhr

 

Manche betrachten Armbanduhren lediglich als Zeitmesser. Doch sie sind auch ein Symbol für gesellschaftlichen Status und Wohlstand. Doch in Zeiten des Smartphones tragen heute immer weniger Menschen eine Armbanduhr. Und denjenigen, die es doch tun, dienen die Uhren oft nur noch als Schmuckstück wie ein Armband oder ein Ring.

 

Doch es gab auch mal eine Zeit, in der dies anders war. Und diese liegt noch gar nicht allzu lange zurück. Noch bis in die 1980er Jahre hinein galten in China selbst einfache Fabrikate als Luxusartikel. Eine Armbanduhr der Marke Shanghai kostete damals 120 Yuan, was sechs Monatsgehältern eines einfachen Arbeitnehmers entsprach. Importware etwa aus der Schweiz war für Normalverdiener damals unerschwinglich.

 

Armbanduhren waren in China also lange ein Accessoire, das seine Besitzer mit großem Stolz erfüllte. Manche Besitzer behielten ihre Schmuckstücke sogar im Schlaf an. Im Winter krempelten sie ihre Ärmel hoch, damit alle Mitmenschen das gute Stück auch ja in Augenschein nehmen konnten. Und beim Ablesen der Zeit schwangen sie nicht selten ihren Arm absichtlich in übertriebenster Weise, um die anderen auch ja daran zu erinnern, dass sie eine Armbanduhr besaßen.

 

Im Jahr 1982 unternahm ich einen ersten Anlauf, die Gaokao zu bestehen, Chinas Hochschulzulassungsprüfung. Unser Lehrer riet uns damals, am Prüfungstag eine Armbanduhr mitzubringen, damit wir uns während der Klausuren die Zeit besser einteilen konnten. Ich stamme aber aus armen Verhältnissen und meine Familie konnte sich keine Armbanduhr leisten. Selbst nachdem meine Eltern in der ganzen Verwandtschaft herumgefragt hatten, waren sie nicht in der Lage, mir eine Armbanduhr zu leihen. Scham und Enttäuschung überwältigten mich, als ich am Prüfungstag feststellen musste, dass fast all meine Kameraden den Klassenraum mit einer Armbanduhr betraten.

 

Ich bestand die Prüfung nicht. Das lag natürlich nicht daran, dass ich einer der Wenigen ohne Armbanduhr war. Auch mit Uhr hatten schließlich viele meiner Klassenkameraden den Sprung an eine Universität verpasst. Dennoch kratzte meine Mutter im nächsten Jahr all ihre Ersparnisse zusammen, um mir eine Armbanduhr der Marke Zhongshan im Wert von 30 Yuan zu kaufen. Die Uhr war klobig und sah scheußlich aus, doch sie tat ihren Dienst. Und so wurde sie mein Begleiter beim zweiten Anlauf, die Gao zu bestehen. Wenn ich heute allerdings an die Prüfung zurückdenke, kann ich mich nicht erinnern, die Uhr damals wirklich benutzt zu haben. Die Prüfung jedenfalls bestand ich, das war das Wichtigste.



 Erfolgsunternehmen: Ein Messestand des berühmten chinesischen Armbanduhren-Fabrikanten Fiyta.



Meine erste Armbanduhr, die ich mir selbst anschaffte, war eine Digitaluhr, die neben der Zeit auch das Datum anzeigen konnte und zu jeder vollen Stunde piepste. Ich zahlte dafür sieben Yuan. Allerdings war sie nicht wasserdicht. Und so kam es, dass das liebgewonnene Stück, nachdem ich an einem regnerischen Tag auf einem unbedachten Traktor nach Hause gezuckelt war, völlig durchnässt den Geist aufgab. Meine Mutter ging angesichts dieser Torheit hart mit mir ins Gericht. Ich war traurig und verkroch mich zuhause unter der Decke, samt meiner kaputten Armbanduhr am Handgelenk. Am nächsten Morgen staunte ich dann nicht schlecht, als das Display wieder die Uhrzeit anzeigte. Ich glaube, dass meine Körperwärme dafür gesorgt hatte, dass die Feuchtigkeit in der Uhr langsam verdunstet ist. Ich trug die Uhr noch eine ganze Weile, bis sie abgenutzt war.

 

Nach meinem Einstieg ins Berufsleben habe ich mehrere Armbanduhren besessen, von denen die meisten ziemlich billig waren. Für mich lag die Funktion einer Armbanduhr stets nur in der Zeitanzeige. Heute, mit dem Beginn des Internetzeitalters, schaue ich, wie alle anderen, einfach aufs Handy, wenn ich wissen möchte, wie viel Uhr es ist.

 

Mein Fahrrad, meine Nähmaschine, meine Armbanduhr

 

Die Chinesen, die in den 1950er und 1960er Jahren zur Welt kamen, sollten zu den Hauptakteuren der Reform und Öffnung werden. Sie haben Chinas enorme Veränderungen der vergangenen 40 Jahre in Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur, Moral und Ästhetik bewusst miterlebt. Der Wandel der Bedeutung der Armbanduhr im Alltag spiegelt letztlich auch die großen Fortschritte, die China in diesem Zeitraum gemacht hat.

 

Ich selbst stamme wie gesagt aus einer Bauernfamilie. Meine Eltern verrichteten Feldarbeit und mussten mit einem bescheidenen Einkommen die ganze Familie ernähren. Manchmal mussten sie sich sogar Geld leihen, um unseren Schulbesuch zu finanzieren. In dieser wirtschaftlich harten Zeit diente der Drahtfunk als beste Methode, die Zeit im Auge zu behalten. Er sagte zu jeder vollen Stunde die Uhrzeit an. Damals hatten die Menschen auf dem Land nur selten die Möglichkeit, mit dem Bus oder Zug zu fahren, geschweige denn mit dem Flugzeug zu fliegen. Von daher gab es auch keinen wirklichen Grund, die Zeit akribisch im Auge zu behalten. Es reichte, wenn man ungefähr wusste, wie spät es war. Aus diesem Grund war eine Armbanduhr für sie eigentlich keine Notwendigkeit. Trotzdem sehnten sich viele danach, eine eigene Armbanduhr zu besitzen.

 

Angesichts des unzureichenden Informationsflusses waren die Menschen auf dem Land damals kaum mit der Außenwelt vertraut. Für sie waren diejenigen, die eine Armbanduhr trugen, entweder Leute vom Land mit einem hohen gesellschaftlichen Status oder Städter, die einen von der Regierung zugeteilten Arbeitsplatz hatten. Solche Stadtbewohner mit ihrer „eisernen Reisschüssel“ bezeichneten wird damals als „Gongzuoren“ (arbeitende Bevölkerung).

 

Damals wurde in China die Planwirtschaft praktiziert und alle Waren wurden planmäßig angeboten. Ohne Geld, Arbeit oder Beziehungen, so genannte „Guanxi“, war der Besitz einer Armbanduhr, die damals mehr als 100 Yuan kostete, nichts als ein schöner Wunschtraum. Bei den meisten Menschen mischten sich Bewunderung und Neid miteinander, wenn sie jemanden sahen, der eine Armbanduhr trug. Um sich eine solche Uhr leisten zu können, blieb den Kindern vom Land nichts anderes übrig, als „Gongzuoren“ zu werden. Und der einzige Weg zum Erreichen dieses Ziels lag darin, die Gaokao erfolgreich zu bestehen. Mit diesen Worten feuerten mich meine Eltern damals an, mich in der Schule noch mehr ins Zeug zu legen.

 

Zu dieser Zeit waren die so genannten „großen Drei“, nämlich Armbanduhr, Fahrrad und Nähmaschine, der Traum vieler junger Leute, die auf der Suche nach einem Lebenspartner waren. Konnte sich eine Familie auf dem Land einen oder besser noch zwei dieser drei Gegenstände leisten, galt ihr Nachwuchs als gute Partie.

 

Ich erinnere mich noch gut daran, dass es in meinem Heimatdorf einen jungen Mann gab, der sich in eine junge Frau verliebt hatte. Bald kam die Sprache aufs Heiraten, doch die Eltern der Frau bestanden darauf, dass der junge Mann seiner Angebeteten zunächst eine Armbanduhr kaufen sollte. Weil seine Familie jedoch kein Geld für ein derart teures Geschenk hatte, mussten die beiden ihre romantische Liebschaft letztlich begraben.

 

Geschichten wie diese waren damals keine Seltenheit. Die drei berühmtesten heimischen Fahrradmarken Feige (Flying Figeon), Yongjiu (Forever) und Fenghuang (Phoenix) spiegelten zu jener Zeit zusammen mit den Marken Hudie (Butterfly) für Nähmaschinen und Shanghai für Armbanduhren die höchste Kunstfertigkeit der chinesischen Leichtindustrie. Marken wie diese spiegelten die Sehnsucht der Chinesen nach einem besseren, glücklicheren Leben.



 Großer Stolz am Handgelenk: Die Mutter des Autors kratzte einst alle Ersparnisse zusammen, 

um ihrem Sprössling eine Armbanduhr der Marke Zhongshan zu kaufen. Kostenpunkt damals: 30 Yuan.

 

Bald in den Luxusvitrinen der Welt?

 

Nach der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik in China wurde die lange aufgestaute Kreativität der Chinesen völlig entfesselt. Mitte der achtziger Jahre war das Angebot an Armbanduhren stark gewachsen. Auch in den Verkaufsregalen ländlicher Läden waren vermehrt Armbanduhren verschiedenster einheimischer Marken zu finden. Die drei großen Gegenstände für Jungvermählte waren den „neuen Drei“ gewichen: Fernseher, Kühlschrank und Klimaanlage.

 

Mit wachsendem Einkommen und einem größeren Angebot verschiedener Produkte wurden Armbanduhren allmählich zur Normalität. Auch ihre Rolle als Symbol des Wohlstands schwächte sich nach und nach ab. In den neunziger Jahren konnten chinesische Konsumenten bereits aus einer großen Palette verschiedenster Modelle wählen. Neben traditionellen mechanischen Uhren waren auch Quarz- und Digitaluhren im Angebot. Die Produzenten übertrumpften sich bei der Entwicklung der neusten Modelle und buhlten sogar mit Fernsehwerbung um die Gunst der Kunden. In nur etwas mehr als einem Jahrzehnt war so aus einem Luxusartikel ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand geworden. Das war vor allem der klugen Reform- und Öffnungspolitik der chinesischen Führung zu verdanken.

 

Ich habe einmal an einem Ausbildungskurs teilgenommen, in dem erklärt wurde, wie kleinste Details über den Erfolg oder Misserfolg in der chinesischen Armbanduhrenindustrie entscheiden. In der Blütezeit der Branche investierte der Hersteller Yingxiong (Hero) aus der südöstlichen Metropole Hangzhou viel Geld in den Import wichtiger Bauteile aus der Schweiz, um die Genauigkeit seiner Uhren zu verbessern und der Uhrenmarke Shanghai Konkurrenz zu machen. Dadurch sank die Abweichung allerdings nur von 60 auf 45 Sekunden. Es blieb noch immer ein großer Abstand bestehen zum eigentlichen Ziel von 30 Sekunden.

 

Um das Problem zu lösen, entsendete die Fabrik einige Techniker in die Schweiz. Sie sollten den Produktionsprozess vor Ort genau untersuchen. Für ihren zweimonatigen Aufenthalt blätterte die Hangzhouer Firma damals mehr als eine Million US-Dollar hin. Zum Glück kehrten die chinesischen Techniker mit dem Schlüssel zur Lösung des Problems im Gepäck zurück: Man musste die Bauteile vor dem Zusammenbau in Kerosin tränken. So gelang es Yingxiong schließlich, die Genauigkeit seiner Armbanduhren um 50 Prozent zu steigern.

 

Im neuen Jahrhundert haben weitgehend Mobiltelefone die Funktion der Zeitanzeige übernommen. Und neuerlich stellt das Aufkommen von Internet und Big Data traditionelle Branchen wie die Uhrenindustrie vor große Herausforderungen. Oft werden dabei Smartphones als Übeltäter verdammt, die vielen herkömmlichen Industrien den Garaus machten. Die Blütezeit vieler berühmter chinesischer Uhrenmarken wie Shanghai oder Dongfen ist längst vorüber, während andererseits neue heimische Marken wie Bambussprossen aus dem Boden sprießen.



Schnappschuss aus alten Zeiten: Wang Zhusheng auf dem Wulin-Platz

 in der Stadt Hangzhou. Das Foto entstand im Juni 1986. 


Die Armbanduhren der vier großen chinesischen Marken Fiyta, Ebohr, Rossini und Tianwang sehen zwar wie Kunstwerke aus, schinden aber noch immer kaum bleibenden Eindruck bei Verbrauchern. Und das obwohl selbst die exklusivsten Modelle unter ihnen mit Preisen von unter 10.000 Yuan, etwa 1300 Euro, im internationalen Vergleich echte Schnäppchen sind. Trotzdem können sie bis heute international renommierten Fabrikaten etwa von Patek Phillipe, Audemars Piguet und Blancpain kaum das Wasser reichen. Sie gelten in China noch immer als Inbegriff für Reichtum und als gesellschaftliches Statussymbol. Uhren solcher Marken sind bewegen sich preislich in einer ganz anderen Liga und kosten in der Regel mindestens einige Millionen Yuan.

 

Es sind zwar nur winzige Unterschiede in Bezug auf Produktionstechnologie und Qualität, die die in China produzierten Uhren von den Modellen der weltbekannten Marken trennen, doch sie sind es, die die Position der Uhren auf dem internationalen Markt noch immer bestimmen. In diesem Sinne hat Chinas Armbanduhrenindustrie also noch einen langen Weg vor sich.

 

Doch ich persönlich freue mich schon auf den Tag, an dem auch Armbanduhren chinesischer Hersteller in den Vitrinen der internationalen Luxusläden funkeln und von in- und ausländischen Verbrauchern gleichermaßen am Handgelenk genutzt werden, um ihrem gesellschaftlichen Status gebührenden Glanz zu verleihen. Und als Chinese bin ich fest davon überzeugt, dass dieser Tag kommen wird.

 

*Wang Zhusheng ist heute Büroleiter der Firma Zhejiang Tianshi Nanotechnology.

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