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Frühlingsfest 2020: Ab ins Ausland oder ab zur Familie?

2020-01-13 11:04:00 Source: Author:
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Von Zhou Lin

 

Als größter und wichtigster Feiertag im Festtagskalender der Chinesen ist das Frühlingsfest Jahr für Jahr wieder ein emotionaler Anlass. Jedoch machen die Veränderungen des Internetzeitalters auch vor den alten Sitten und Gebräuchen der Feiertage keinen Halt, das gilt auch für Traditionen wie den gemeinsamen Silvesterschmaus der Familie, das Überbringen von Neujahrsgrüßen an Verwandte und Freunde, den Besuch von Tempelmärkten und das gemeinsame Rätselraten an den Papierlampions beim Laternenfest zum Abschluss der Festtage.

 

Ab ins Ausland

 

„In unserer schnelllebigen Zeit haben wir Chinesen ein Bedürfnis nach mehr Lebensqualität. Wir freuen uns darauf, uns während des Frühlingsfestes ein paar gemütliche und erholsame Tage mit der Familie zu machen“, sagt Zhang Xiaolei, Lehrerin an der Universität Tianjin. Zhang, die aus Kunming in der südwestchinesischen Provinz Yunnan stammt, ist in ihren Dreißigern und gehört damit zu Chinas sogenannter Post-80er-Generation. Ihre Eltern leben zusammen mit der Großmutter noch immer in der alten Heimat. „Da sich meine Eltern um meine Oma kümmern, finden sie unterm Jahr nur selten Zeit, mich zu besuchen. Familientreffen sind für mich von daher Luxus“, sagt sie.

 

„Ich bin es gewohnt, zwischen Beijing und Tianjin zu pendeln. Jeden Tag bin ich sehr beschäftigt mit der Unterrichtsvorbereitung und dem Halten der Stunden sowie auch mit dem Verfassen wissenschaftlicher Beiträge“, sagt Zhang. „Ab und zu fliege ich auch in andere Landesteile, um an akademischen Konferenzen teilzunehmen oder wissenschaftliche Forschungen durchzuführen“, erzählt sie. Geschäftigkeit präge ihren Alltag.

 

Während des Frühlingsfestes 2016 machte sie mit der ganzen Familie eine Woche Urlaub in Thailand. „Tief im Herzen hänge ich an alten Traditionen und will das Frühlingsfest deshalb mit meiner Familie verbringen“, sagt sie. „Auf die Form kommt es mir dabei aber nicht an. Das sollte man nicht so eng sehen, finde ich. Beispielsweise kann man meiner Meinung nach über die Feiertage auch durchaus ins Ausland reisen, um eine entspannte Zeit zu haben und sich gut zu erholen.“

 

„Die Winter in Beijing und Tianjin sind sehr kalt. Und auch in Kunming sieht die Situation wettermäßig nicht viel besser aus“, sagt die Chinesin. 2016, im Jahr ihrer Thailandreise, sei China von einer starken Kältewelle heimgesucht worden. „Im Nachhinein betrachtet war es goldrichtig, die Koffer zu packen. Sonst hätten wir uns nur zuhause verkriechen können“, sagt sie.

 

Laut Zhang habe es für sie zwei Gründe für die Entscheidung für Thailand als Reiseziel gegeben. Erstens liege Thailand nicht weit von China entfernt und zweitens seien die Kosten für Transport und Unterbringung vor Ort vergleichsweise günstig. „Das Preisleistungsverhältnis stimmt einfach“, sagt Zhang. Über Apps wie Ctrip oder Fliggy seien Flüge heute zudem kinderleicht zu buchen. Außerdem könnten chinesische Touristen das Visum nach der Landung bequem vor Ort in Thailand beantragen, was die Reise sehr einfach und bequem mache, erklärt sie.

 

Eines der Reiseziele, das sie und ihre Familie damals angesteuert hätten, sei die Hauptstadt Bangkok, eine sehenswerte Metropole, wie sie findet. „Bangkok ist eine buddhistische Stadt mit langer Geschichte, es gibt viele spannende Sehenswürdigkeiten, weshalb sie eines der beliebtesten Reiseziele der Welt ist.“ Vor der Abreise habe sie mithilfe von Tipps aus dem „Lonely Planet“ ein detailliertes Reiseprogramm ausgearbeitet. „Wir sind Individualreisende und bevorzugen Touren ohne bindenden Zeitplan. Beispielsweise haben wir damals einige landschaftlich reizvolle Orte zweimal besucht, um das veränderte Landschaftsbild zu verschiedenen Tageszeiten zu bewundern“, erzählt sie uns.

 

Thailand ist auch berühmt für seine Strände und Inseln. Für viele sind deshalb Pattaya und Phuket beliebte Reiseziele. Jedoch hat sich Zhangs Familie letztlich für eine Alternative abseits der Touristenmassen entschieden – die Insel Koh Chang, auch bekannt als „Elephant Island“, die drittgrößte Insel Thailands nach Phuket und Samui. Zu den Gründen sagt sie: „Angesichts des gestiegenen Lebensstandards reisen wir Chinesen immer häufiger ins Ausland. Unsere Entscheidungen sind rationaler und vielfältiger geworden. Viele Menschen in China bevorzugen heute Routen, die nicht so überlaufen sind, damit man die Zeit mit der Familie wirklich genießen kann. Während unseres Aufenthalts auf Koh Chang lagen wir einfach am Strand, genossen die frischen Meeresfrüchte und fotografierten die wunderschöne Landschaft. Es waren unvergessliche Tage für unsere ganze Familie“, erinnert sie sich.

 

 

 

Am 5. Februar 2019, dem chinesischen Neujahrtag, war die Chinatown rund um die Yaowarat-Straße in Bangkok wegen ihrer festlichen Atmosphäre Anziehungspunkt für viele Touristen.

 

Intensive Eltern-Kind-Zeit über die Feiertage

 

Der Städter Chen Bo ist Familienvater und ebenfalls vielbeschäftigter Pendler. Während des Frühlingsfestes 2020 will auch er mit seiner Frau und den beiden Kindern ins Ausland reisen. „Als Ärztin ist meine Frau immer sehr beschäftigt. Wir haben wenig Freizeit, um sie gemeinsam mit unseren Kindern zu verbringen“, sagt er. „Während des Frühlingsfestes werden wir in die japanische Präfektur Okinawa fliegen, um uns dort einige schöne Tage zu machen. Es ist gewissermaßen auch eine Auszeit für unsere Eltern, die das ganze Jahr über mit großer Hingabe bei der Kinderbetreuung geholfen haben“, erklärt Chen.

 

Chen sagt, dass er sehr gestresst war, als das erste Kind zur Welt kam. „Damals hatte ich gerade den Job gewechselt, um mehr Geld zu verdienen“, erklärt er. „Ich musste wochentags in der Firma übernachten und konnte nur am Wochenende nach Hause kommen. Meine Eltern haben uns damals geholfen, das Baby zu betreuen“, sagt er. Damals hatte er keine andere Wahl, um Zeit beim Pendeln zu sparen und die Arbeitseffizienz zu erhöhen. „Obwohl ich auf diese Weise deutlich mehr verdient habe und die ganze Familie in eine neue 4-Zimmer-Wohnung umziehen konnte, hatte ich wirklich wenig Zeit, um mit meiner Familie zusammen zu sein.“

 

„Weil ich so wenig Zeit mit unserem ersten Kind verbringen konnte, fühlte sich dieses mir nicht besonders nahe und weigerte sich sogar, in den Kindergarten zu gehen“, sagt Chen. „2017 kam unser zweites Kind zur Welt. Mir wurde klar, dass eine liebevolle Beziehung zwischen Eltern und Kind viel wichtiger als ein dickes Plus auf dem Gehaltszettel ist. Ich habe meinen Job gewechselt, so dass ich jetzt jeden Abend nach der Arbeit nach Hause fahren kann. Das Frühlingsfest bietet uns nun eine gute Gelegenheit, intensiv Zeit miteinander zu verbringen“, so Chen weiter.

 

„Mit der Zeit haben sich die Formen, wie das Frühlingsfest gefeiert wird, stark verändert. Frühere Bräuche wie das gemeinsame Essen der Familienmitglieder, das Überbringen von Neujahrsglückwünschen an Verwandte und Freunde, die Geldgeschenke für Kinder in den traditionellen roten Umschlägen oder das Einkaufen neuer Kleidung vor dem Jahreswechsel – all das ist heute flexibler geworden“, sagt Chen.

 

Das Internetzeitalter habe das Leben der Chinesen deutlich einfacher und bequemer gemacht. „Über WeChat können wir per Smartphone Videogespräche mit Verwandten und Freunden führen. Und dank der schnellen Entwicklung der Hochgeschwindigkeitsbahnen sind Bahntickets heute wesentlich leichter zu besorgen, so dass wir unser Zuhause leicht erreichen, selbst wenn es tausend Kilometer entfernt liegt. Über zahlreiche Apps wird Essen innerhalb einer Stunde direkt an die Haustür geliefert, so dass nicht mehr viel Zeit für die Zubereitung der Gerichte verwendet werden muss. Außerdem können wir Artikel für den Alltagsbedarf auf Onlineplattformen wie Taobao oder JD einkaufen, anstatt ins Kaufhaus gehen zu müssen, was ebenfalls viel Zeit spart“, fügt er hinzu.

 

 Schnappschuss mit Strandfeeling: Chen Bo möchte in Zukunft noch mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Während des Frühlingsfestes 2020 ist eine Reise in die japanische Präfektur Okinawa geplant.

 

 

Verkürzung der Distanzen zwischen den Herzen

 

Manche sind der Ansicht, dass gestiegene Glücksgefühl der Chinesen sei vor allem durch materiellen Wohlstand begründet. Tatsächlich gibt es noch andere Gründe. Beispielsweise ist der chinesische Reisepass wertvoller geworden und ermöglicht heute eine visumfreie Einreise in viele Länder. Mobile Zahlungsdienste erleichtern außerdem die Buchung von Tickets, Hotels und Mietwagen. Kurzum, das Smartphone hat das Reisen ins Ausland erheblich erleichtert.

 

Darüber hinaus bieten bequeme Verkehrsmittel wie das Flugzeug, Hochgeschwindigkeitszüge oder private PKW den Chinesen heute mehr Möglichkeiten als früher, wenn sie kurz vor dem Frühlingsfest in die Heimat zurück wollen. Doch nicht nur geografische Distanzen sind heute leichter zu überbrücken, auch die Distanzen zwischen den Herzen schrumpfen zum Frühlingsfest. Viele Chinesen wünschen sich eine Auslandsreise mit der Familie nicht nur deshalb, weil sie so zum Beispiel malerische Landschaften genießen können, sondern eben auch um eine unvergessliche Zeit mit den Liebsten zu verbringen.

 

Laut Prognosen über die Tourismustrends zum Frühlingsfest 2020 des chinesischen Online-Tourismusdienstplattform Ctrip wird die Zahl der chinesischen Reisenden ins Ausland rund um die Feiertage dieses Mal auf rund sieben Millionen steigen. Die beliebtesten Reiseziele sind dabei Thailand, Japan und Südostasien.

 

Für das bevorstehende Frühlingsfest 2020 hat Zhang Xiaolei ebenfalls bereits einen Plan ausgearbeitet. „Während der Feiertagswoche werden wir mit der ganzen Familie nach Japan fliegen“, sagt sie. Diesmal bestehe die Gruppe aus ihren Eltern, ihrer Cousine und deren Sohn. „2020 werden in Tokio die Olympischen Sommerspiele ausgetragen. Wir wollen die Atmosphäre im Voraus erleben“, sagt sie. „Mit Rücksicht auf die Bedürfnisse meiner Eltern und das Kind meiner Cousine haben wir uns für Tokio und den umliegenden Mount Fuji entschieden. Wichtig ist einfach nur, dass wir eine schöne und gemütliche Zeit miteinander verbringen“, sagt Zhang. Die Reisevorbereitungen liefen bereits auf Hochtouren.

 

 

 

Am 8. Februar 2018 wurde in Kanada eine spektakuläre Lichtshow an den Niagarafällen veranstaltet, um das bevorstehende Jahr des Hundes zu feiern. Vor dem Event hängt eine kanadische Stadträtin einen chinesischen Glücksanhänger in Form eines Fisches auf.

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