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Den Schatten des Virus ausweichen

2020-02-14 11:35:00 Source:China heute Author:
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Der US-Amerikaner, Chinakenner und Journalist Zachary Lundquistwartet mit Schutzkleidung am Ostbahnhof von Ningbo, um am 4. Februar gemeinsam mit seiner Frau die Heimreise nach Beijing anzutreten.

 

Von Zachary Gordon Lundquist

 

Das chinesische Neujahrsfest war und ist für Chinesen auf der ganzen Welt seit jeher eine sehr besondere Zeit. Ganz gleich, welche Beschreibung des Festes man nachschlägt, es wird stets als die feierlichste, aktivste und lebendigste Zeit des ganzen Jahres beschrieben.

 

Die Feierlichkeiten beginnen mit dem Frühjahrsputz und reichen vom Anbringen der Neujahrsspruchbänder an der Haustür, über den gemeinsamen Familiensilvesterschmaus nach dem traditionellen Mondkalender bis hin zu den Neujahrsbesuchen bei Familie und Freunden, um ihnen viel Glück und nur das Beste fürs neue Jahr zu wünschen, nicht zu vergessen natürlich das tägliche Anzünden von jeder Menge Feuerwerkskörpern. All diese Aktivitäten haben eine Gemeinsamkeit – bei allem steht die soziale Interaktion zwischen Familienmitgliedern und Freunden im Vordergrund.

 

Aber in diesem Jahr sah in Chinaalles ganz anders aus. Der Grund: das neuartige Coronavirus. Das Frühlingsfest 2020 dürfte als eines der ruhigsten in die Geschichte eingehen. Nicht, weil die Menschen es so wollten, sondern weil sie beschlossen haben, alles zu tun, um die Sicherheit und Gesundheit nicht nur der lokalen, sondern auch der globalen Gemeinschaft zu schützen – nämlich indem sie zu Hause bleiben.

 

Die Aufgabe des Präventions- und Kontrollkampfes gegen Epidemien ist für China nichts Neues. Bereits in den Jahren 2002 und 2003 hielt der Ausbruch des schweren akuten Atemwegssyndroms, besser bekannt als SARS, der in der südlichen Provinz Guangdong seinen Anfang nahm, das ganze Land mit einer Todesrate von 9,6 Prozent in Atem. Während dieser Epidemie wurden weltweit insgesamt 8098 Krankheitsfälle gemeldet. Laut WHO forderte das SARS-Virus letztlich 774 Menschenleben.

 

Ich kam zum ersten Mal im Sommer 2003 nach China, kurz nachdem die Epidemie vorüber war. Damals war es für mich schwer zu verstehen, welche Anstrengungen die chinesische Regierung und das chinesische Volk unternommen hatten, um das Land mit seinen damals über 1,3 Milliarden Menschen wieder zur Normalität zu führen. Die einzigen verbleibenden Anzeichen der SARS-Epidemie waren damals die Temperaturkontrollen, die die Flugpassagiere noch immer durchlaufen mussten, bevor sie sich in die Schlange zur Passkontrolle einreihen konnten.

 

Als ich die Geschichten von Freunden darüber hörte, was sie in diesen schwierigen Monaten erlebt hatten, konnte ich nur versuchen, mich einzufühlen, da ich es selbst nicht miterlebt hatte. Trotzdem war ich, wie alle anderen, China äußerst dankbar, dass das Land alles getan hatte, um eine weitere Ausbreitung des SARS-Virus zu verhindern und die Epidemie erfolgreich einzudämmen. In diesem Jahr war ich an der Reihe, etwas Ähnliches wie SARS zu erleben – den Ausbruch des neuartigen Coronavirus.

 

Persönliche Vorkehrungen

 

Nachdem im Januar die Nachricht über ein neues ansteckendes Virus in Wuhan bekannt wurde, begannen die Menschen in Großstädten wie Beijing bereits erste Vorsichtsmaßnahmen wie das Tragen von Gesichtsmasken zu treffen. Der Ernst der Lage und die rasche Ausbreitung des neuartigen Virus wurde angesichts der täglichen Pressemitteilungen und Updates der Nationalen Gesundheitskommission bald immer realer.

 

Innerhalb der ersten fünf Tage nach der ersten großen Bekanntgabe der bestätigten Fälle hatte sich diese Zahl bereits vervierfacht, von 291 Fällen am 20. Januar auf 1287 Fälle am 24. Januar, dem Vorabend des chinesischen Neujahrs.

 

Angesichts der schwerwiegenden Auswirkungen einer sich ausbreitenden Epidemie kündigte die chinesische Regierung auf allen offiziellen Kanälen an, jeder solle so weit wie möglich zu Hause bleiben und nicht an großen Zusammenkünften und sozialen Aktivitäten teilnehmen. Es sollte keine Klassentreffen und großen Familienbankette, keine Museumsbesuche, kein Gedränge an vielbesuchten Touristenzielen und auch keine Urlaubsreisen geben.

 

Von dem Tag, an dem meine chinesische Ehefrau und ich am Nachmittag des chinesischen Neujahrs in ihrer Heimatstadt Ningbo in Südchina ankamen, bis zum Tag unserer Rückkehr nach Beijing am 4. Februar verließen wir nur viermal die Wohnung meiner Schwiegereltern, zweimal gingen wir auf den lokalen Markt, um Lebensmittel einzukaufen, und zweimal gingen wir vor die Tür, um etwas frische Luft zu schnappen.

 

Wie also sieht das Leben der Menschen in einer solch besonderen Zeit aus?

 

Nun, zunächst einmal lebt man sein tägliches Leben weiter, nur innerhalb der eigenen vier Wände. Neben der Verfolgung der täglichen Nachrichten über die Verbreitung des Virus, isst man, treibt Sport, sieht fern, bleibt über soziale Netzwerke mit Freunden in Kontakt und findet auch ansonsten andere Möglichkeiten, es sich zu Hause gemütlich zu machen.

 

Zweitens trifft man die von der Nationalen Gesundheitskommission empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen:

 

- Häufiges Händewaschen mit Seife vor und nach der Zubereitung und dem Verzehr von Speisen, dem Kontakt mit Menschen, Husten und Niesen, dem Aufsetzen und Abnehmen von Gesichtsmasken etc.;

 

- Enger Kontakt zu Personen, die sich bereits mit dem neuartigen Coronavirus infiziert haben, soll vermieden werden;

 

- Außerdem wird dazu aufgerufen, sich von Orten mit großen Menschenansammlungen fernzuhalten;

 

- Man trägt Schutzkleidung beim Aufenthalt im Freien, wozu auch das Tragen einer geeigneten Gesichtsmaske, von Handschuhen und eines Augenschutzes gehört;

 

- Man sorgt für eine gute Belüftung aller Räume durch das Öffnen der Fenster einige Zeit am Tag.

 

 

Drittens sollten sich diejenigen, die während der Feiertage in andere Städte gereist sind, nach ihrer Rückkehr nach Hause bzw. in ihre Wohn- oder Studienstadt 14 Tage lang in Heimquarantäne begeben. Dabei soll das Studienbüro bzw. der zuständige Abteilungsleiter der Firma täglich über den Gesundheitszustand der Rückkehrer informiert werden.

 

Nachdem meine Frau und ich nach Beijing zurückgekehrt waren, wurden auch wir gebeten, uns 14 Tage lang zu Hause in Selbstquarantäne zu begeben. Unsere örtliche Wohnungsverwaltung wies uns an, unsere Ausgänge zum Einkaufen von Lebensmitteln auf das absolute Minimum zu beschränken. Darüber hinaus mussten wir unseren jeweiligen Arbeitgebern täglich Bericht erstatten, um sie über unseren Gesundheitszustand zu informieren.

 

Jede dieser Präventivmaßnahmen ist Teil eines ganzheitlichen, miteinander verbundenen Netzwerkes von Anstrengungen, die in China derzeit von jedem einzelnen unternommen werden, um Covid-19 unter Kontrolle zu bringen und seine weitere Ausbreitung zu verhindern.

 

 

Wirksame landesweite Maßnahmen

 

Zusätzlich zu den persönlichen Vorkehrungen, die jeder einzelne in China trifft, hat die Regierung auch viele ernsthafte Maßnahmen zur Bekämpfung der Verbreitung der Epidemie und zur Kontrolle des Virus ergriffen, die das tägliche Leben der Bevölkerung ebenfalls direkt beeinflussen.

 

Erstens schaffen die örtlichen Nachbarschaftskomitees aktiv ein Bewusstsein dafür, was die Menschen tun können, um sich selbst zu schützen. Ein paar Tage nach dem chinesischen Neujahrsfest konnte ich am Fenster der Wohnung meiner Schwiegereltern in Ningbo hören, wie ein paar Mal am Tag ein Fahrzeug durch die Nachbarschaft fuhr und die Anwohner über Lautsprecher unter anderem eindringlich dazu aufrief, möglichst in ihren Wohnungen zu bleiben, beim Gang nach draußen eine Gesichtsmaske zu tragen und sich oft die Hände zu waschen.

 

Zweitens werden, um das Risiko zu verringern, dass potenziell infizierte Besucher von außen Anwohner anstecken, in den meisten Wohnkomplexen, Dörfern und Städten, Mitarbeiter an den Ein- und Zugängen stationiert. Sie führen Temperaturkontrollen durch und erfassen die Identität der Menschen, die beispielsweise einen Wohnungskomplex oder ein Wohnviertel betreten bzw. verlassen möchten.

 

Drittens stehen an den üblichen Mautstationen am Eingang zu Autobahnen sowie an allgemeinen Kontrollpunkten zwischen den Vororten und den Hauptstädten Teams von Polizei- und Gesundheitspersonal bereit, um die Temperatur jeder Person in jedem Fahrzeug zu messen und die unheilvolle Frage zu stellen: “Sind Sie in den letzten Tagen in die Nähe von Wuhan oder in die Provinz Hubei gereist?” Auf der Taxifahrt zum Bahnhof bei der Rückkehr nach Beijing nach unserem Urlaub warteten wir mehr als 40 Minuten an zwei verschiedenen Kontrollpunkten, an denen die Temperaturen jeder Person in unserem Wageb erfasst und unsere Identitäten festgestellt wurden.

 

Viertens wird in allen öffentlichen Verkehrsmitteln wie U-Bahnen, Bussen und Taxis mittlerweile verlangt, eine Maske zu tragen. Einige Städte, in denen es viele bestätigte Fälle gibt, wenn auch die Zahl längst nicht so hoch liegt wie in Wuhan, haben ebenfalls beschlossen, wichtige Verkehrsmittel wie U-Bahnen und Busse für einige Zeit auszusetzen.

 

Dies sind nur einige der wichtigsten Maßnahmen, die sich direkt auf den Alltag der Menschen auswirken und dazu beitragen, die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus einzudämmen. Insgesamt ist die Mehrheit der Chinesen optimistisch, schließlich ziehen alle an einem Strang, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Zwar ist der Alltag auf diese Weise mit vielen Unannehmlichkeiten verbunden, aber schließlich möchte niemand, dass die Zahl der bestätigten Krankheits- und Todesfälle weiter steigt. Deshalb sind alle bereit, in dieser besonderen Zeit viele Abstriche im eigenen Alltag in Kauf zu nehmen.

 

Zeit für mehr Zusammenarbeit und weniger Kritik

 

Wenn Epidemien ausbrechen, ist nicht die Zeit, sich die Frage zu stellen: "Woher kam die Krankheit?" oder "Wer ist dafür verantwortlich?" Im Laufe des letzten Jahrhunderts sind viele unheilvolle Viren aufgetaucht und haben verheerende und tödliche Folgen mit sich gebracht, darunter die Spanische Grippe von 1918, die in Europa begann und sich dann auf den amerikanischen Kontinent ausbreitete, SARS von 2002 bis 2003 in Guangdong, China, und die Ebola-Krankheit, die 1976 zuerst im Südsudan und 2014 erneut in Westafrika auftrat.

 

In Zeiten wie diesen ist die Frage nicht, was ein Land allein tun oder nicht tun kann, sondern vielmehr, was die globale Gemeinschaft tun kann, indem sie sich zusammenschließt und sich gegenseitig mit Ressourcen, Fachwissen und den benötigten Materialien unterstützt, um den Kampf gegen das neuartige Coronavirus gemeinsam zu gewinnen.

 

Ich glaube, dass Covid-19 unter Kontrolle gebracht werden kann, doch nicht allein durch die Bemühungen eines einzigen Landes. Es wird durch die gemeinsamen Anstrengungen der globalen Gemeinschaft eingedämmt werden.

 

 

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