HOME>Gesellschaft

Mit Geduld und Vorsicht, aber ohne Panik – Mein Leben in Beijing in Zeiten des Coronavirus

2020-03-11 11:17:00 Source:China heute Author:
【Schließen】 【Drucken】 GroßMittelKlein



Die menschenleere Touristengasse Nanluoguxiang in Zeiten des Coronavirus: Wer gekommen ist, trägt einen Mundschutz. 


Von Magdalena Rojas*

 

Am 22. Januar machte ich mich auf in die Nanluoguxiang, um David, einen meiner besten Freunde in Beijing, zu treffen. An diesem Tag sah man in der sonst so belebten Hutong-Gasse nur wenige Touristen. Wer gekommen war, trug eine Atemschutzmaske. „Warum trägst du keine Maske?“, fragte mich David, der aus Villavicencio in Kolumbien stammt, schon gleich zur Begrüßung. „Hast du nichts von dem Virus gehört?“

 

Die Lage ändert sich Tag für Tag

 

In der Tat erfuhr ich zwei Tage vor Beginn des chinesischen Neujahrsfests von einem neuartigen Coronavirus in China, schenkte der Sache aber keine große Aufmerksamkeit. Heute, mehr als einen Monat nach diesem Treffen, ist die Situation ganz anders. Die negativen Auswirkungen des neuartigen Coronavirus sind uns allen bekannt. Jedoch glaube ich, dass wir hier in Beijing bereits die schwierigste Zeit hinter uns haben. Die Anstrengungen, die die chinesische Regierung in den letzten Wochen und Monaten unternommen hat, um die Epidemie zu bekämpfen und einzudämmen, können als beispiellos bezeichnet werden.

 

Ich lebe mittlerweile seit anderthalb Jahren in Beijing, genauso lange habe ich zuvor in einer anderen chinesischen Metropole verbracht, Shanghai. Allerdings hatte ich in all dieser Zeit nie das Vergnügen, das traditionelle Frühlingsfest in China mitzuerleben. Eigentlich hatte ich deshalb vor, das chinesische Neujahrsfest dieses Jahr in Beijing zu feiern. Ich wollte diese großartige Gelegenheit nutzen, um die lokalen Sitten und Bräuche besser kennen zu lernen, über die traditionellen Tempelmärkte der Hauptstadt zu schlendern und allerlei lokale Spezialitäten zu kosten. Leider hat mir der plötzliche Ausbruch des Coronavirus einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Epidemie hat viele gezwungen, auf Anraten der zuständigen Behörden zu Hause zu bleiben, um neue Häufungen von Infektionen zu verhindern.

 

Trotzdem bleiben die Menschen hier in China auch in dieser schwierigen Zeit optimistisch. Ich habe Zeichen der Solidarität sowohl innerhalb als auch außerhalb Chinas gesehen. Alle senden sich gegenseitig Grüße, Ermutigungsnachrichten und Videos oder spenden im Rahmen ihrer Möglichkeiten Geld und Materialien, um die von der Epidemie besonders schwer betroffenen Gebiete in der Provinz Hubei zu unterstützen. Auch mir selbst wurde diese Unterstützung und Herzlichkeit zuteil. Meine Chefin besuchte mich zu Hause und brachte mir einige Gebrauchsartikel vorbei. Die chilenische Botschaft in China sendete mir Masken und Handschuhe.




Magdalena Rojas stammt aus Chile und arbeitet als Journalistin für die spanische Printausgabe von „China heute“.


 

Ich bleibe die meiste Zeit zu Hause und mein Alltag verläuft ruhig. Wir beschweren uns oft über das schnelle Lebenstempo, daher ist diese Zeit irgendwie auch eine gute Gelegenheit, um über viele Dinge nachzudenken. Ich gebe zu, dass ich meine Chinesischkenntnisse nicht wie geplant während der Feiertage auf Vordermann gebracht habe, sondern stattdessen ein Dutzend Filme geschaut habe. Darüber hinaus war der Ausnahmezustand mit seinen vielen Stunden daheim für mich auch eine gute Gelegenheit, meine Kochkünste zu verfeinern. Ich habe spontan Thai-Curry zubereitet, oder auch ab und an eine einfache, aber immer wieder köstliche Schüssel Bratreis mit Rührei. Neben diesen kleinen Lebensfreuden habe ich einfach versucht, meinen Alltag so normal zu führen, wie möglich.

 

Präventionsmaßnahmen prägen den Alltag in dieser schwierigen Zeit

 

Die beiden großen Supermärkte in der Nähe meines Wohnviertels sind weiterhin wie gewohnt zugänglich und das Angebot an frischem Obst und Gemüse ist reichlich. Darüber hinaus gibt es dort auch weiterhin viele importierte Lebensmittel. Öffentliche Einrichtungen wie Supermärkte, U-Bahn-Stationen, Restaurants und Einkaufszentren haben Maßnahmen zur Verhinderung und Eindämmung der Epidemie ergriffen. Beispielsweise müssen Besucher vielerorts ihre Körpertemperatur messen lassen und Schutzmasken tragen. Ich war überrascht zu sehen, mit welcher Gewissenhaftigkeit die Menschen hier in Beijing, ja in ganz China diese Schutzmaßnahmen umgesetzt haben. Sie werden nicht nur als persönliche Angelegenheit verstanden, sondern als im Interesse der Gemeinschaft hier in der Stadt, ja sogar im Sinne der ganzen Welt betrachtet.

 

Der Generalsekretär der WHO Tedros Adhanom Ghebreyesus lobte, China habe im Kampf gegen Covid-19 einen Bezugsrahmen für den Rest der Welt geschaffen. Die Geschwindigkeit, mit der China den Ausbruch der Epidemie entdeckte, das Virus isolierte, die Gensequenz entschlüsselte und sie an die WHO und den Rest der Welt weitergab, sei beeindruckend gewesen, so Ghebreyesus, ebenso wie Chinas Engagement für Transparenz und für die Unterstützung anderer vom Virus betroffener Länder. 




Symbol im Kampf gegen die Epidemie: In vielen öffentlichen Einrichtungen herrscht in Beijing in diesen Tagen Maskenpflicht.

 

Erwähnenswert sind zudem die Maßnahmen, die in Beijings Wohnvierteln und Wohngebäuden ergriffen wurden. Eine neue offizielle Bestimmung sieht mittlerweile vor, dass alle Menschen, die aus anderen Teilen Chinas oder aus dem Ausland nach Beijing zurückkehren, sich für zwei Wochen in Quarantäne begeben müssen. Die Wohnviertel der Hauptstadt haben diese neue Bestimmung rasch umgesetzt. Beispielsweise habe ich von meinem Wohnviertel einen Passierschein erhalten, mit dem ich nun Aus- und Zutritt zu meinem Viertel habe. Beim Betreten des Wohnviertels muss jeder nicht nur seine Körpertemperatur erfassen lassen, sondern auch seinen Passierschein vorzeigen. Darüber hinaus wurden auch meine persönlichen Daten und eine Kontaktperson für den Notfall registriert. Alle öffentlichen Bereiche wie Aufzüge und Parkplätze werden täglich desinfiziert. 

 

Diese Maßnahmen mögen vielleicht etwas übertrieben klingen, aber ich denke, in einer Situation, wie wir sie derzeit erleben, kann man schließlich nicht vorsichtig genug sein. Gerade diesen entschlossenen Maßnahmen ist es letztlich zu verdanken, dass China große Erfolge bei der Eindämmung der Covid-19-Epidemie erzielen konnte.

 

Neue Hoffnung auf ein Ende des Ausnahmezustands

 

Mittlerweile sind positive Signale nicht nur in Beijing zu bemerken. Landesweit hat sich die Lage in Bezug auf das neueratige Coronavirus merklich verbessert. Von den bis zum 27. Februar offiziell erfassten 78.824 Infektionen stammten 83 Prozent aus der am stärksten betroffenen Provinz Hubei, wo das Virus vermutlich seinen Ursprung fand. Dies zeigt, dass durch die von Chinas Regierung ergriffenen Maßnahmen und die großen Anstrengungen des medizinischen Personals die weitere Ausbreitung des Covid-19-Erregers erfolgreich verhindert bzw. kontrolliert werden konnte.  

 

Aus meinen persönlichen Erfahrungen hier vor Ort kann ich sagen, dass sich Sensationsmeldungen schneller verbreiten als objektive Berichte oder wissenschaftlich fundierte Informationen. Einige Medien, insbesondere viele westliche Medien, aber auch solche in meinem Heimatland Chile, haben viele Sensationsmeldungen verbreitet, um Aufmerksamkeit zu erregen. Auf lange Sicht werden solche Nachrichten nur Panik auslösen, in einigen Fällen sogar zu rassistischem Verhalten führen. Jedoch glaube ich, dass die meisten Medien sowie auch die Menschen mit echten Informationen zur Bekämpfung der Epidemie beitragen und so unbegründeter Panikmache den Wind aus den Segeln nehmen. So werden wir letztendlich gemeinsam den Kampf gegen Covid-19 gewinnen können.



Auch in Corona-Tagen ein reiches Angebot: In Beijings Supermärkten sind die Regale und Auslagen weiterhin gut gefüllt.

 

Die aktuelle Epidemie ist zweifellos auch eine Zeit, die Chinas Regierungs- und Reaktionsfähigkeit auf die Probe stellt. Die Auswirkungen dieser Gesundheitskrise auf die Weltwirtschaft werden allmählich spürbar. Doch trotz der Ausnahmesituation stehen hier in Beijing sowie in ganz China auch weiterhin viele Menschen Tag für Tag wie gewohnt früh auf und arbeiten fleißig, um das Land am Laufen zu halten. Sie sind die eigentlichen Helden dieser Zeit und verdienen besonderen Applaus. Unter ihnen sind nicht nur Ärzte und Krankenschwestern an vorderster Front, sondern auch die Mitarbeiter der Supermärkte, die städtischen Reinigungskräfte und die unzähligen Expresszulieferer auf ihren Elektrorollern. Wie sähe unser Alltag in diesen Tagen nur aus ohne den unermüdlichen Einsatz dieser fleißigen Helfer? 

 

Vor kurzem unternahm ich einen Spaziergang im Beihai-Park, einer wunderschönen Gartenanlage im Herzen Beijing mit einer großen weißen Pagode im tibetischen Stil und einem See, der an diesem Tag in der Sonne glitzerte. Gestern Nachmittag war ich im Shopping- und Ausgehviertel Sanlitun, um dort mit einigen Freunden in einem Restaurant zu Abend zu essen. Ich bin froh, zu sehen, dass das Leben ganz allmählich wieder in seine gewohnten Bahnen zurückfindet und immer mehr Geschäfte der Öffentlichkeit zugänglich sind.

 

Natürlich müssen wir noch wachsam bleiben. Präventionsmaßnahmen wie das Tragen von Schutzmasken und regelmäßiges Händewaschen sind nach wie vor von großer Bedeutung. Doch es gibt klare Anzeichen dafür, dass sich die Situation in Beijing sowie auch landesweit allmählich verbessert. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis wir die Covid-19-Epidemie letztlich erfolgreich überwunden haben. Bis dahin sollten wir uns gegenseitig anspornen, fest zusammenarbeiten und vor allem eines haben – die nötige Geduld.

 

*Magdalena Rojas stammt aus Chile und arbeitet als Journalistin für die spanische Printausgabe von „China heute“. 

 

 

Teilen:

Copyright © 1998 - 2016

今日中国杂志版权所有 | 京ICP备:0600000号