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Beijings Siheyuans – Eintauchen in Chinas traditionelle Wohnkultur

2018-12-27 10:43:00 Source: Author:
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Von Guo Zhidong*

 

Ein Innenhof der von vier Wohngebäuden umgeben ist – im Herzen der chinesischen Hauptstadt finden sich noch immer viele solcher „Vierseithöfe“, auf Chinesisch Siheyuan genannt (wörtlich „von vier Seiten umschlossener Hof“). Diese alten Wohnanlagen, die in allen vier Himmelsrichtungen von Häusern umgeben sind, gelten bis heute als Inbegriff alter chinesischer Baukunst. Sie spiegeln das traditionelle chinesische Ästhetikverständnis wider und gelten von daher als wertvolles architektonisches und kulturelles Erbe.

 

Der Siheyuan blickt in Beijing auf eine lange Geschichte zurück. Es gibt ihn bereits seit Anfang der Yuan-Dynastie im 13. Jahrhundert. Als der erste Yuan-Kaiser Kublai Khan im Jahr 1272 die Hauptstadt des chinesischen Kaiserreiches nach Dadu (das heutige Beijing) verlegte, verteilte er Grundstücke an reiche Geschäftsleute und Adlige, so dass sie großzügige Wohnanlagen errichten konnten. Damals wurden die Vierseithöfe und die Durchgangswege, die sich zwischen ihren Außenwänden bildeten und die Hutongs genannt werden, zum charakteristischen Antlitz der Hauptstadt der Yuan-Dynastie.

 

Die traditionellen Wohnhöfe Beijings bilden gewissermaßen ein einziges großes Wohngebäude. Sie sind symmetrisch an einer Nord-Süd-Achse ausgerichtet. Der Haupteingang des Komplexes, der von hohen, akkuraten Wänden umschlossen ist, befindet sich traditionell an der südöstlichen Seite. Der Innenhof der Anlage ist eine geräumige Oase der Ruhe, abgeschirmt von Lärm und Trubel der umliegenden Straßen und Gassen. Kleine Siheyuans verfügen in der Regel nur über einen Innenhof, größere haben oft mehrere Wohnräume in jeder Himmelsrichtung sowie Vor- und Hinterhöfe und sogar einen eigenen Garten. Die Größe der alten Vierseithöfe hing natürlich von der gesellschaftlichen Stellung und dem Portemonnaie ihrer Besitzer ab.

Blick auf den Innenhof eines Siheyuan. Der Innenhof der Anlage ist eine geräumige Oase der Ruhe,

abgeschirmt von Lärm und Trubel der umliegenden Straßen und Gassen.

 

Im Inneren der Siheyuans

 

Komplexere Siheyuans bestehen im Allgemeinen aus drei Höfen. Beim Betreten des Haupteingangs fällt als erstes die Abschirmungswand (Yingbi) ins Auge. Es handelt sich dabei normalerweise um eine Ziegelmauer. Sie soll den Innenhof gegen Blicke von außen schützen und dafür sorgen, dass Besucher beim Betreten der Wohnanlage keinen sofortigen Blick auf den gesamten Innenhof haben. So wird die Privatsphäre der Bewohner geschützt. Bei einigen größeren Wohnhöfen befindet sich die Abschirmungswand schon außerhalb des Haupteingangs.

 

Die Räume im Südteil des Wohnhofs werden als „zurückgesetzte Räume“ (Daozuofang) bezeichnet. Von den weiter nördlich gelegenen Haupträumen sind sie durch eine weitere Mauer getrennt. Zwischen den „Daozuofang“ und dieser Mauer befindet sich der erste Hof, also der Vorhof der Anlage. In der Mitte dieser inneren Wand befindet sich das zweite Eingangstor (Chuihuamen). Durchschreitet man dieses, gelangt man zum Haupthaus des Anwesens. Dieses dient den Bewohnern als Lebensmittelpunkt.

 

Der zweite Hof, auch Haupthof genannt, ist nach Osten und Westen von Seitenräumen umgeben. Im Süden finden sich die Haupträume des Siheyuan und Wandelgänge, welche die beiden Seitengemächer verbinden. Bei manchen Vierseithöfen gibt es auf beiden Seiten der Haupträume noch weitere Räume, die wie Ohren wirken, weshalb sei im Chinesischen „Erfang“ getauft wurden („Ohrenzimmer“). Der Hinterhof wird im Süden von den Haupträumen und im Norden von weiteren Hinterräumen umgeben. Er ist meist breit und geräumig. Alle Räume sind durch Wandelgänge miteinander verbunden, was nicht nur die Fortbewegung in der Unterkunft auch bei widrigem Wetter erleichtert, sondern auch für ein harmonisches Ganzes sorgt.

 

Alle Generationen unter einem Dach

 

Im alten China lebten die Angehörigen verschiedener Generationen unter einem Dach. Dementsprechend wurden die Wohnräume des Siheyuan den Familienmitgliedern streng nach ihrem Alter und der Generationenfolge innerhalb der Familie zugeteilt. Die hellen und gut belüfteten Haupträume waren nach konfuzianischer Tradition selbstverständlich der älteren Generation vorbehalten, während die Seitenräume von der jüngeren Generation bewohnt wurden. Die Frauen waren gewöhnlich im Hinterhof einquartiert, während die Bediensteten im Vorhof hausten. So konnte gewährleistet werden, dass jedes Familienmitglied einen eigenen Raum besaß und man sich nicht gegenseitig störte. Die Raumverteilung spiegelt auch die konfuzianische Lehre wider, der zufolge man den Älteren stets Respekt zollen sollte und Männer für externe Angelegenheiten und Frauen für interne zuständig waren.

 

Bis heute sind Siheyuans mit ihrer eleganten und exquisiten Ziegel- und Holzstruktur ein echter Blickfang im Großstadtgrau: Ihre blauen Ziegeln, grauen Fliesen und rot lackierten Tore entsprechen der traditionellen chinesischen Ästhetik. Von den Giebeln bis zum Dachvorsprung, von den Pfeilern bis zu den Fenstern – die mit Bedacht aufeinander abgestimmte und raffinierte Kombination aus Farben und Formen vermittelt im gesamten Wohnhof den Charme antiker Schlichtheit.

 

Nimmt man die Details genauer unter die Lupe, offenbart sich die ganze Schönheit der antiken Architektur: Nicht nur die Dachvorsprünge und Dachtraufen, sondern auch die steinernen Pfeiler, die den Türrahmen stützen, sowie die Holztüren und –fenster, ja sogar der Bodenbelag ist mit Motiven, die Reichtum und Glück symbolisieren, verziert. Unter den eingravierten bzw. aufgemalten Dekorationen finden sich Pflanzen und Tiere, Schriftzeichen und menschliche Figuren. Die Pfingstrose beispielsweise, die immer wieder auftaucht, steht in China als Symbol für Wohlstand, Fledermäuse sollen Glück verheißen. All diese Symbole verleihen der Sehnsucht des Hausbesitzers nach einem schönen und glücklichen Leben Ausdruck.

 

Harmonie zwischen Mensch und Natur

 

Beim Bau eines Siheyuans stehen aber nicht nur Funktionalität und Schönheit im Vordergrund, großer Wert wird auch auf die traditionelle chinesische Geomantik, auch als Fengshui bekannt, gelegt. Es handelt sich um eine Theorie über die harmonischen Beziehungen zwischen Mensch und Natur. Chinesen glauben traditionell, dass das Fengshui von Häusern und Wohnanlagen von großer Bedeutung für den Reichtum, die Gesundheit und viele andere Aspekte des menschlichen Lebens ist. Aus diesem Grund nimmt man in China die Standortauswahl, die Ausrichtung und die Bestimmung der Größe jedes Raumes nach den Regeln der Fengshui-Lehre vor.

 

Beispielsweise liegt das Haupthaus eines Siheyuans meist im Norden, welcher nach der Fengshui-Lehre das Element Wasser (die anderen vier Elemente sind Feuer, Metall, Erde und Holz) symbolisiert. So soll das Haupthaus im Norden möglichst von Feuerkatastrophen verschont werden. Darüber hinaus sollten Fenster stets nach Süden zeigen, damit Licht, Luft und Sonnenwärme die Räume fluten und diese möglichst gut genutzt werden können.

 

Dass der Haupteingang der Vierseithöfe sich traditionell anstatt in der Mitte an der südöstlichen Seite der Anlage befindet, hat einen ganz besonderen Grund: Die Chinesen glaubten, dass es nur es Kaiserpalast und buddhistischen Tempeln vorbehalten sei, ihre Tore in der Mitte zu platzieren. Darüber hinaus hat diese Anordnung, wie eingangs schon erwähnt, den Vorteil, dass Besucher nicht sofort freien Blick auf den gesamten Innenhof erhalten. Der geräumige Haupthof, der durch die vierseitige Bebauung entsteht, ermöglicht das Anpflanzen von Bäumen und Blumen sowie die Aufzucht von Fischen und Vögeln und bringt somit Mensch und Natur in harmonischen Einklang.

 

Sehenswürdigkeiten für Hutong-Fans in Beijing:

 

Shijia Hutong Museum:

Viele alte Siheyuans in Beijing stehen als architektonisches Erbe unter Denkmalschutz. In einem dieser geschützten Hutongs ist das Shijia Hutong Museum untergebracht. Dieser Vierseithof war ursprünglich das Wohnhaus von Ling Shuhua, eine der drei berühmtesten talentierten Frauen in der Republik China (1912–1949). Das Museum, das aus zwei Höfen besteht, verfügt über acht Ausstellungsräume sowie einen Mehrzweckraum. Durch verschiedene Exponate wird das traditionelle Leben in den Beijinger Hutongs gezeigt. Sehenswert sind insbesondere zwei Räume, die die typische Einrichtung einfacher Beijinger Familien der 1950er und 1960er Jahre zeigen.

 

Adresse: Shijia Hutong 24, Chaoyangmen-Straße, Dongcheng-Bezirk

 

Wohnhof der Familie Zhang

In diesem Wohnhof einer gewöhnlichen Familie, der für Besucher zugänglich ist, lässt sich hervorragend in die Atmosphäre der Vierseithöfe eintauchen.

 

Adresse: Guosheng Hutong 18, Andingmen-Straße, Bezirk Dongcheng

 

Wohnhof von Qi Baishi

Der Wohnhof des berühmten chinesischen Malers Qi Baishi (1864–1957) kann von Besuchern besichtigt werden. Er befindet sich im Pichai-Hutong im Beijinger Weststadtbezirk Xicheng.

 

Weiming-Wohnhof

Dieser Vierseithof liegt in der Nähe des Houhai-Sees und nördlich der Touristengasse Nanluoguxiang. Heute dient er als ein familiär geführtes Gästehaus.

 

Dali Yuanzi

In diesem Restaurant lässt sich in typischer Siheyuan-Atmospähre speisen.

 

Adresse: Xiaojingchang-Hutong in der östlichen Gulou-Straße (Gulou Dongdajie) im Bezirk Dongcheng

 

See You Café

Dieses Café wurde in einem restaurierten Siheyuan eröffnet und ist allein deshalb einen Besuch wert.

 

Adresse: Dongsihuan Zhonglu 37, Bezirk Chaoyang

 

*Der Autor ist Forscher für traditionelle chinesische Kultur des Beijinger Wohnhofs Nr. 93.

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