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Kommentar: Hongkong als integraler Bestandteil Chinas

2019-12-05 11:14:00 Source:China heute Author:
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Von Helmut Matt*


Was ist los im Hongkong dieser Tage? Die sonst so blühende Finanz- und Wirtschaftsmetropole scheint sich immer tiefer in eine Situation hinein zu bewegen, aus der es schwierig sein wird, zu konstruktiven und sachbezogenen Lösungen zurückzufinden. Die Medien aus aller Welt überschlagen sich regelrecht mit Meldungen über Aufruhr, Studentenproteste, eskalierende Gewalttaten und politische Agitation. Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlicher Konsens geraten, so hat es den Anschein, immer stärker in Bedrängnis, die Funktionsfähigkeit der Infrastruktur ist in akuter Gefahr und sogar die persönliche Sicherheit und Unversehrtheit der Bürger werden gefährdet.

 

Hongkong – das ist ein Thema, das mich schon seit meiner Jugendzeit persönlich berührt. Mein erster Kontakt mit der Metropole am „Peak“ weist zurück auf die frühen siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts – eine Zeit, in der es Begriffe wie „Mobiltelefon“, „elektronische Post“, „Internet“ oder „Globalisierung“ noch nicht gab.

 

Informationen über ferne Länder? Die fanden sich allenfalls in Radiobeiträgen oder ab und zu auch mal in den Tageszeitungen. Auch die weltumspannende Kurzwelle brachte in jenen Tagen ein Stück der weiten Welt ins heimische Wohnzimmer. Internationale Rundfunkdienste erfüllten damals noch die Aufgaben, die heute die Medienportale im Internet auf ihre Weise übernommen haben.

 

Es war im Jahr 1972. Unser Englischlehrer am Gymnasium kam eines Morgens ins Klassenzimmer und fragte uns, ob jemand Interesse an einer Brieffreundschaft mit einem englischsprachigen chinesischen Mädchen aus Hongkong habe. Damals gab es eine internationale Organisation, die sich darum bemühte, Schülerfreundschaften in aller Welt zu vermitteln. Ich war wohl der Erste, der an jenem Morgen seine Hand hob und so begann eine lebendige Brieffreundschaft – mein erster Kontakt mit der großen, weiten Welt, dem viele weitere folgen sollten.

 

Noch am selben Abend schrieb ich – in eher wackeligem Englisch – meinen ersten Brief an Dansi Chan – so hieß das Mädchen. Ich stellte mich kurz vor und erzählte ihr von mir und meinem Leben im Schwarzwald, schrieb ein paar weitere freundliche Zeilen, legte ein Foto von mir und eine Ansichtskarte des Dörfchens bei, in welchem ich aufgewachsen war – und brachte den blau-rot-weißen Luftpost-Briefumschlag zur Post.

 

Es dauerte einige Wochen, bis ich den ersten Brief aus dem fernen Hongkong in meinen Händen hielt – auf der Briefmarke, die rechts oben auf dem Umschlage klebte, prangte das Bild der britischen Königin Elisabeth. Spannend war das! Viele Briefe, Ansichtskarten, Fotos und kleine Geschenke folgten diesem ersten Kontakt. Ich lernte so manches über das Leben und die Menschen in diesem fernen Teil der Erde. Dansi, ein Englisch und Kantonesisch sprechendes Schulmädchen aus dem geschäftigen Stadtteil Kowloon, vermittelte mir ein vielfältiges Spektrum an Eindrücken von einer fernen, aus meiner Perspektive durchaus exotischen Kultur.

 

Ich erfuhr vom Leben zwischen Nachtmärkten und Wolkenkratzern, war begeistert von den Fotos des Peaks, den entrückenden Bildern und Beschreibungen von Victoria Harbour und den bunten Ansichtskarten, auf denen das alltägliche Leben in der Weltmetropole abgebildet war. Das pulsierende Treiben einer modernen Großstadt einerseits, die konfuzianischen Traditionen andererseits, dazu die Lieder beliebter Stars der Hongkonger Pop-Musik-Szene – all das war mir gänzlich neu, inspirierte mich, brachte den geheimnisvollen Duft der weiten Welt in mein kleines, stilles Schwarzwalddörfchen, öffnete meinen Horizont und beflügelte mein Denken und mein Weltbild.

 

Diese frühe Brieffreundschaft war für mich ein Schlüssel zu einer neuen Welt, ein Initialerlebnis, das meiner Vorstellungskraft und meinem geistigen Horizont neue Dimensionen eröffnete. Zugleich erwachten mit dieser Brieffreundschaft meine Faszination und meine tiefe Empathie für China, die Chinesen, für die Kultur, die Geschichte, die Lebens- und die Denkwelt im Reich der Mitte – eine Begeisterung, die mich auch heute noch erfüllt und bewegt.

 

In des Lebens Wellen und der Jahre Wirren geschah es, dass die Spur zur Freundin meiner Jungendjahre sich irgendwann verlor. Was blieb, ist die Erinnerung sowie eine ansehnliche Sammlung von Briefmarken, Briefen – und mein ausgedehntes Interesse für China und seine Menschen.

 

Vieles hat sich seitdem verändert auf der Erde. Die Volksrepublik China hat sich von einem rückständigen Entwicklungsland zu einer der bedeutendsten Volkswirtschaften der Welt entwickelt. Das Vereinigte Königreich hat seine einstige Kronkolonie im Jahr 1997 aufgegeben und Hongkong konnte dahin zurückkehren, wohin es schon immer gehörte. Zusammen mit Macao wurde die Stadt zu einer der beiden Sonderverwaltungszonen Chinas. Durch Deng Xiaopings Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“ verblieb ein hohes Maß an Autonomie bei der Regierung der Sonderverwaltungszone Hongkong. Während sich das politische und wirtschaftliche Erscheinungsbild der Stadt kaum veränderte, brachte die Heimkehr zum Vaterland den Bürgern Hongkongs auf lange Sicht Sicherheit und Wohlstand und wurde zugleich eine wichtige Quelle nationaler Identifikation.

 

Vor noch nicht allzu langer Zeit konnte ich in einer deutschen Zeitung lesen, dass sich in Hongkong bedeutende nationale Symbole wie die Nationalflagge, das Staatswappen oder die Nationalhymne stetig wachsender Beliebtheit erfreuten und dass immer mehr Hongkonger Bürger stolz auf ihre chinesische Staatsangehörigkeit seien. Und in der Tat: Die weitgehende politische und wirtschaftliche Autonomie sowie die offenen Märkte der prosperierenden Wirtschaftsregionen Guangdong und Chongqing verhalfen Hongkong rasch zu mehr Wachstum und Wohlstand als je zuvor – dies obwohl Experten aus der westlichen Welt einen ökonomischen Exodus vorausgesagt hatten.

 

Es war, wie bereits erwähnt, Deng Xiaoping, der in den frühen achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Prinzip „Ein Land, zwei Systeme" entwickelt hatte. Vorrangiges Ziel war es, die Frage der Wiederherstellung der Ausübung der Souveränität über Hongkong und Macao durch die chinesische Regierung zu lösen. Oberste Prämisse dieses Prinzips ist die Feststellung, dass Hongkong ebenso wie Macao integrale Bestandteile der Volksrepublik China sind.

 

Während das chinesische Festland seine sozialistische Gesellschaftsordnung beibehalten sollte, war sichergestellt, dass Hongkong und Macao ihr ursprüngliches kapitalistisches System beibehalten.

 

Dieses Konzept wurde im Jahr 1984 vom Nationalen Volkskongress, Chinas höchster Instanz der Legislative, angenommen und zum rechtsverbindlichen Staatskodex erhoben. Zudem wies die neue Leitlinie einen probaten Weg hin zu einer stets friedlichen Beilegung möglicher internationaler Konflikte und ermöglichte die Rückkehr Hongkongs und Macaos zum Vaterland.

 

Deng setzte sich für die Einhaltung der Leitlinien seines Prinzips: „Verwaltung Hongkongs durch Hongkonger“ und „hochgradige Autonomie“ auf der einen, den nachhaltigen Erhalt des wirtschaftlichen Aufschwungs nach der Wiedervereinigung Hongkongs mit dem chinesischen Vaterland auf der anderen Seite ein. Die konsequente Anwendung von Deng Xiaopings Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“ halte ich für eine ganz ausgezeichnete Lösung und zugleich für ein Musterbeispiel für den politischen und ideologischen Pragmatismus der chinesischen Zentralregierung.

 

Doch was hat sich inzwischen in Hongkong ereignet? Statt Tatkraft, Geschäftssinn, Wachstum und gesellschaftlicher Zusammenhalt prägen in diesen Tagen vielfach gewalttätige Aktionen und Unruhen das öffentliche Erscheinungsbild der Metropole. Wer die Berichterstattung vor allem in westlichen Medien aufmerksam verfolgt, dem drängt sich immer mehr der Verdacht auf, dass all das, was zurzeit Hongkong, seine Bürger und die ganze Region in Atem hält, zumindest von außen in hohem Maße gefördert wird – wenn nicht gar hereingetragen worden ist.

 

Die sehr einseitige Berichterstattung der Medien, die häufig kritiklose Parteinahme für die Protestierenden, die weitgehend fehlende Distanzierung von deren Nötigungen, von Gewalt und Zerstörung, lassen vermuten, dass es durchaus Gründe für solch mangelnde Objektivität geben könnte. Als anschaulichen Indikator für externe Einmischung und Einflussnahmen kann beispielsweise die Verabschiedung des „Gesetzes über Menschenrechte und Demokratie in Hongkong“ durch den US-Senat erachtet werden. Es ist kaum nachvollziehbar, mit welcher Legitimation die USA sich in die inneren Angelegenheiten der Sonderverwaltungszone einmischen und dadurch die Unruhen weiter anheizen.

 

Nicht Eskalation und Ausweitung der Gewalt, sondern Augenmaß und Dialogbereitschaft sollten eigentlich das Gebot der Stunde sein. In der kritischen Situation dieser Tage zeigt sich, dass die Menschen in Hongkong ein zunehmendes Bedürfnis nach Ruhe und Deeskalation verspüren und ein Ende der Gewalttaten und Unruhen sowie die Wiederherstellung von Recht und Ordnung herbeisehnen. Bereits jetzt ist deutlich zu erkennen, dass mehr und mehr Bürger Hongkongs bereit sind, sich aktiv gegen die Gewalt zu stellen und an der Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung mitzuwirken.

 

Einen Ausweg aus der gegenwärtigen Lage dürfte die jüngste Forderung des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping aufzeigen. In seiner Stellungnahme bezog Xi einerseits klar Position zugunsten der ordnenden und stabilisierenden Kräfte in der Sonderverwaltungszone. Zum anderen stellte er klar, dass das Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“ das adäquateste Mittel für die Verwirklichung der langfristigen Stabilität sowie der Prosperität in dem Gebiet darstelle und dass die Regierung der Sonderverwaltungszone strikt im Rahmen des Grundgesetzes die Umsetzung dieser Richtlinie fortsetzen werde.

 

Im Rahmen des BRICS-Gipfels in Brasilia hatte Xi betont, dass die andauernden radikalen Gewalttaten in Hongkong die Rechtsstaatlichkeit und Gesellschaftsordnung schwer beeinträchtigten, die Prosperität und Stabilität der chinesischen Sonderverwaltungszone schwer sabotierten und das Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“ schwer herausgefordert hätten. Er bezeichnete es als die zurzeit dringendste Aufgabe in Hongkong, die Unruhen zu beenden und die Ordnung wiederherzustellen.

 

Die chinesische Zentralregierung werde kontinuierlich und unbeirrt die rechtmäßige Verwaltung der Sonderverwaltungszone mit deren Regierungschefin an der Spitze unterstützen. Zugleich plädierte Xi Jinping unerschütterlich für eine rechtmäßige Bestrafung der Gewalttäter durch die Hongkonger Justizbehörden.

 

Die Entschlossenheit der chinesischen Regierung zur Wahrung von Staatssouveränität, Sicherheit und Entwicklungsinteressen lasse sich nicht erschüttern, das Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“ werde konsequent durchgesetzt, so Chinas Staatspräsident. Klar ist, dass eine Einmischung fremder Kräfte in die Hongkong-Angelegenheiten für China verständlicherweise nicht hinnehmbar ist und dass dem Legalitätsprinzip höchste Bedeutung gebührt.


In der Hongkonger Zeitung „Wen Wei Po“ hieß es in diesem Zusammenhang beispielsweise, dass die Rede des Staatspräsidenten Xi nicht nur eine große Unterstützung für die Regierung der Sonderverwaltungszone, sondern auch einen riesigen Ansporn für die Bürger Hongkongs und eine ernsthafte Warnung an die Gewalttäter und die Drahtzieher bedeute. Man habe dadurch große Zuversicht auf ein baldiges Ende von Gewalttaten und Unruhe erlangt.


Ich denke, es wäre im Interesse aller Beteiligten und Bürger Hongkongs, Gewalt und Unruhen umgehend zu beenden und auf die Ebene von Recht und Gesetz zurückzukehren. Nicht in immer stärker entfesselter Eskalation liegt der Schlüssel für Hongkongs Zukunft, sondern in Dialogbereitschaft und konstruktiver Offenheit aller Seiten. Je länger die Konfrontation sich hinzieht, desto schwieriger wird eine Rückkehr zu sachlichem Diskurs.


*Der Autor Helmut Matt ist deutscher Schriftsteller und China-Wissenschaftler.

 

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