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Zhu Bingren: Pfiffiger Beherrscher des flüssigen Kupfers

2025-12-11 16:04:00 Source:cdd-online.com.cn Author:Nils Bergemann*
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Zhu Bingren hat so viel für das Kulturerbe seines Landes getan, dass er schon zu Lebzeiten eine Bronzestatue verdient hätte. Und das nicht nur, weil der chinesische Kunsthandwerksmeister beruflich mit dem Hauptbestandteil von Bronze, Kupfer, arbeitet. Dem 1944 im traditionsreichen Shaoxing in der südostchinesischen Provinz Zhejiang geborenen Mann sieht man sein Alter nicht an. Er könnte auch an einem schlechten Tag mühelos als 60-Jähriger durchgehen. Seine klugen, lebendigen Augen spiegeln eine enorme innere Energie und Kreativität wider, ein wahres Feuer. So bringt er Kupfer zum Fließen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Zhu Bingren ist der repräsentative Meister des nationalen immateriellen Kulturerbes „Kupferskulptur-Technik“, einer Kunst, die in China seit 2008 unter staatlichem Schutz steht. 

 

Er ist das lebende Gegenprogramm zu einer trockenen Führung durch ein Museum. Mit der Energie eines Jungunternehmers und der Neugier eines Forschers hält er das geliebte Kulturerbe für die Gegenwart und Zukunft lebendig, indem er es neu interpretiert, in neuen Kontexten darstellt, ein Multiversum voller Möglichkeiten schafft. Gerade so bewahrt er den kulturellen Markenkern. Und mit mehr als 80 Jahren befindet er sich nun mitten in einer seiner radikalsten Verwandlungen: vom Bildhauer zum Modemacher. 

 

 

 

Zhu Bingren, der wahrscheinlich kreativste Meister des nationalen immateriellen Kulturerbes „Kupferskulptur-Technik“(Foto: Nils Bergemann) 


 

In der Werkstatt fing alles an 

Zhu Bingrens Weg war früh vorgezeichnet. Seine Familie war seit mehreren Generationen im Kupferkunsthandwerk engagiert, er gehört bereits der vierten Generation an. Die Geräusche und Gerüche der Werkstatt – das rhythmische Hämmern auf Metall, das Zischen des Feuers, der schwere Duft von geschmolzenem Kupfer – waren die vertrauten Sinneseindrücke seiner Kindheit. Für ihn war Kupfer nie bloß ein Material, es war eine Sprache, ein Erbe, eine Verpflichtung. 

 

Seine handwerkliche Meisterschaft ist in ganz China sichtbar. Doch sie ist oft so groß, dass man ein paar Schritte zurückgehen muss, um das Kunstwerk im Ganzen zu sehen: die kupfernen Dächer und Ornamente der Leifeng-Pagode in Hangzhou, die majestätische Lingyin-Kupferhalle, der goldene Gipfel des Emei Shan oder der prächtige Brahma-Palast in Wuxi. All diese beeindruckenden Werke tragen seine Handschrift. Seine Skulpturen finden sich in den prestigeträchtigsten Sammlungen des Landes, vom Chinesischen Nationalmuseum über die Große Halle des Volkes bis zur Verbotenen Stadt. Der Staat ehrte ihn als „chinesischen Kunsthandwerksmeister“ und verlieh ihm den „Nationalen Arbeitsverdienstorden des ersten Mai“.  

 

Doch Zhu reichte es nicht, die Formen seiner Vorfahren zu repetieren. Denn er verstand früh: „Ein Handwerk stirbt nicht, wenn es sich verwandelt. Es stirbt, wenn es sich nicht mehr verwandeln darf.“ Getrieben von diesem Credo wurde er zum Tüftler, der über 60 nationale Patente anmeldete. Sie betreffen Verfahren wie mehrlagige Reliefs, spezielle Ätztechniken oder die „Zijin“-Gravur, die Kupferoberflächen mit unerwarteten Farben und Texturen verziert. 

 

 

 

Der Meister macht nun auch Mode: Weibliche und männliche Models zeigten Zhus auffällige und elegante Kreationen im September dieses Jahres auf der Großen Mauer. (Foto: Nils Bergemann) 

 

Die Geburt der „flüssigen“ Kunst 

Der vielleicht entscheidende künstlerische Durchbruch gelang Zhu mit der „Rongtong“, der „Molten-Copper-Art“. Dabei befreite er das Kupfer buchstäblich von seinen Fesseln: Statt es in vorgefertigte Formen zu gießen, ließ er die glühende, flüssige Bronze frei fließen und erfand so eine völlig neue Ästhetik zwischen Abstraktion und Figuration, Zufall und Kontrolle. Die so entstandenen Skulpturen wirken wie erstarrte Lava, wie flüssiges Licht oder wie Landkarten einer fremden Welt. Diese „Rongtong“-Ästhetik wurde zur Grundlage für seinen nächsten, unerwarteten Coup. 


Start in eine textile Ära 

2024 betrat Zhu Bingren eine völlig neue Bühne: die Welt der Mode. Unter dem Label „Yunmo Rongzhuang“ (Yun-Ink Fusion Wear) begann er, die Texturen des geschmolzenen Kupfers und die fließenden Formen der chinesischen Tuschemalerei auf Textilien zu übertragen. Nach Auftritten auf der Mailänder Fashion Week und einer China-Premiere in Keqiao (einem Stadtbezirk von Shaoxing) folgte 2024 ein großer Auftritt im Pariser Louvre anlässlich des 60. Jahrestags der chinesisch-französischen Freundschaft. 

 

Den vorläufigen Höhepunkt dieser Reise markierte eine spektakuläre Show im September 2025 am Simatai-Abschnitt der Großen Mauer. Als Abschluss der Beijing Fashion Week präsentierte Zhu seine Kollektion „Craftsman Fusion Wear“. Über 50 Outfits, die im Dialog mit künstlicher Intelligenz entstanden waren, erzählten in den Serien „Denim“, „Anzug“ und „Brokat“ eine Geschichte vom Handwerk und seiner Zukunft. Das Leitmotiv war „Rong“ – Schmelzen und Verschmelzen. 

 

Auf die Frage, wie er diese ungewöhnliche Zusammenarbeit mit KI erlebt habe, antwortet Zhu: „Ich denke, die Richtung mit künstlicher Intelligenz ist sehr gut. Tatsächlich war es für mich eine Premiere. Bei den Shows in Mailand und Keqiao war die Atmosphäre stark geprägt von Elementen aus China, nämlich moderner digitaler Technik kombiniert mit meinem ,Wasserkultur-Rechner‘. Es geht darum, unsere traditionelle chinesische Kultur unbedingt mit moderner Technologie zu verbinden.“ 

 

Zhu betont jedoch die entscheidende Rolle des menschlichen Künstlers in diesem Prozess: „Ich habe die Maschine gefragt, was ein Handwerker trägt, wenn er träumt. Sie hat mir Bilder gezeigt, aber ich habe entschieden, welche bleiben. Nur so haben sie eine Seele.“ 

 

 

 

Zhu Bingren bewahrt das Alte, in dem er es immer wieder neu erfindet oder auf erfrischende Weise interpretiert. Seine Modenschau war ein voller Erfolg. (Foto: Nils Bergemann) 

 

Öffnen um zu bewahren 

Mit der Show auf der Großen Mauer, diesem symbolträchtigsten aller Orte chinesischer Kultur, machte Zhu Bingren sein immaterielles Kulturerbe auf spektakuläre Weise populär. Er demonstrierte, dass traditionelle Kupferkunst nicht (nur) hinter Vitrinen gehört, sondern lebendig, atmend und sogar tragbar sein kann. Indem er die Ästhetik des „Rong“ auf Mode übertrug, öffnete er das alte Erbe für ein komplett neues, junges und internationales Publikum. Er übersetzte es in eine universelle Sprache, die jeder versteht: die der Schönheit und des zeitgenössischen Ausdrucks. 

 

Seine Motivation dafür ist tief in seinem Selbstverständnis verwurzelt: „Ich bin Träger eines nationalen immateriellen Kulturerbes. Ich sehe das als eine angeborene Aufgabe und Verantwortung. Und für mich ist es selbstverständlich, dass ich meine Aufgabe gut mache.“ 

 

Doch dieser Auftrag ist für ihn kein museales Bewahren, sondern ein dynamisches Weiterentwickeln. Gemeinsam mit seinem Sohn gründete er 2008 die Marke „Zhu Bingren Tong“, die Kupferkunst in Möbel, Alltagsgegenstände und Architektur integriert. So holt er das Erbe aus den Tempeln und bringt es in die Wohnzimmer. 

 

Die Weisheit des Zufalls 

Zhu Bingren, der mit über 80 Jahren lachend von einem „zweiten Anfang“ spricht, strahlt eine seltene Mischung aus Gelassenheit und ungebremster Schaffenskraft, ja aus Altersweisheit und jugendlicher Dynamik aus. Seine Philosophie ist geprägt von einer tiefen Zuversicht in den kreativen Prozess, der auch den Zufall miteinbezieht. 

 

„Es gibt viele Zufälle, viele unerwartete Dinge. Wenn wir sie richtig nutzen, werden sie zu etwas Erwartbarem, nicht wahr? In diesen Überraschungen können wir das finden, was wir wirklich wollen. Dinge, die wir nicht brauchen, nutzen wir, um unsere Energie zu nähren. Gute Dinge behalten wir in Erinnerung.“ 

 

Diese Haltung erklärt vielleicht, warum ein Mann in seinem Alter noch immer so begierig ist, Neues zu wagen. Er ist kein Patriarch, der sein Reich bewacht, sondern ein Entdecker, für den das Erbe der Vergangenheit den Treibstoff für die Zukunft darstellt. 

 

Zhu Bingren ist mehr als ein Handwerksmeister. Er ist ein Geschichtenerzähler, dessen Material sich von fest zu flüssig, von Bronze zu Stoff wandeln kann. Er ist ein Brückenbauer zwischen den Generationen, zwischen Tradition und Hightech. Er nutzt den Atem des genialen Handwerkers, um auch den sterilen Algorithmen der KI etwas Leben einzuhauchen. 

 

In einer Zeit des rasanten Wandels steht er dafür, dass wahre kulturelle Stärke nicht von dem Beharren auf dem Alten herrührt, sondern von dem Mut, dieses Alte immer wieder neu zu erfinden – und es so am Leben zu erhalten. Sein Werk, ob in Bronze gegossen oder auf Seide gedruckt, ist ein Manifest für ein lebendiges Erbe, das atmet, pulsiert und uns in die Zukunft trägt. Von Marketing versteht der charismatische Künstler übrigens auch eine Menge – dem deutschen Interviewer gab er mit auf den Weg: „Es ist wichtig, dass Sie Werbung für die chinesische Kultur in Deutschland machen.“ 

 

*Nils Bergemann ist studierter Journalist mit langer Erfahrung als Redakteur und Kommunikationsexperte bei Verlagen und anderen Unternehmen. Zuletzt arbeitete er fünf Jahre für die China Media Group. Weiterhin in Beijing lebend unterrichtet er seit 2023 Deutsch, Sprachwissenschaften und Wirtschaft an der University of International Business and Economics. 

Die Meinung des Autors spiegelt nicht unbedingt die Position unserer Website wider. 

 

 

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