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Das Xinjiang, das ich kenne: Auf eigene Faust unterwegs in Chinas Westen

2024-01-05 13:34:00 Source:german.chinatoday.com.cn Author:Uwe Behrens
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Nach drei Jahren Coronapandemie konnte ich im Herbst 2023 endlich wieder nach Xinjiang reisen, wo ich in der Vergangenheit lange gearbeitet hatte. Die Vorfreude war riesig. Noch bevor ich meine Reise antrat, las ich einen Bericht einer privaten Xinjiang-Reise zweier altgedienter deutscher Sinologen, Thomas Heberer und Helwig Schmidt-Glintzer. Sie waren im Mai 2023 in die Region gereist. Am 11. September 2023 veröffentlichten die beiden China-Experten einen Gastkommentar über ihre Erkenntnisse in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). 

 

In ihrem Bericht beschreiben sie, dass sich das Leben in der Autonomen Region Xinjiang, dort wo in China verschiedene Minoritäten und Religionsgemeinschaften zusammenleben, normalisiert habe. „Aufseiten der uigurischen Bevölkerung stoßen die von der Zentralregierung angestoßenen Modernisierungen in Sachen Bildung, medizinische Versorgung und Arbeit unübersehbar auf Sympathie“, schreiben die beiden Sinologen. In den großen deutschen Medien konnte man diese Aussagen nicht lesen, eher das überholte Gegenteil. Von den einschlägigen Thinktanks wurden die beiden heftig kritisiert. 

 

In ihrem Gastbeitrag in der NZZ schreiben Heberer und Schmidt-Glintzer weiter über die Fortschritte der vergangenen Jahre: In die gleiche Richtung geht eine regional aufgeteilte und angepasste Entwicklungshilfe und Ressourcenbereitstellung durch chinesische Provinzen aus dem wohlhabenderen Osten des Landes. Erkennbar wird diese an modernen Berufsausbildungszentren in jedem Xinjianger Landkreis. Studierende erhalten neben kostenfreier Ausbildung monatlich 200 Yuan zur Unterstützung der Eltern. Staatlich geförderte Ansiedlung von modernen Zweigbetrieben im Agrar- und Industriesektor, die zu landesweit gültigen Mindestlohnstandards nahezu ausschließlich Uiguren einstellen müssen, soll das Beschäftigungsproblem lösen helfen.“ 

 

Ich habe 27 Jahre in Asien gelebt und als Logistikmanager für deutsche und französische Unternehmen gearbeitet, davon 17 Jahre in China und acht Jahre in Indien. Im Zuge meines beruflichen Engagements bereiste ich Xinjiang viele Male, unterhielt ein Zweigbüro in Ürümqi. Unter meinen Mitarbeitern und Kunden waren Uiguren, Kasachen, Tadschiken und Han-Chinesen. Ich lernte die Kulturen dort also hautnah kennen. 

 

Das Xinjiang, das ich kenne 

 

Das Autonome Gebiet Xinjiang ist geprägt von Grasland, Wüsten und Gebirgen, traditionell mit einer bescheidenen landwirtschaftlichen Nutzung. Entsprechend lagen der Wohlstand sowie der Bildungsstand der Bevölkerung lange weit unter dem anderer Regionen Chinas, insbesondere verglichen mit den industriellen Provinzen im Osten des Landes, an den Küsten. Um diese Wohlstandsunterschiede auszugleichen, aber auch um die örtlichen Bodenschätze zu erschließen, wurde seit den 1980er und 1990er Jahren verstärkt in den Aufbau von Industrie, Infrastruktur und in die Landwirtschaft investiert, was mit einem starken Zuzug von Nicht-Uiguren, vor allem Han-Chinesen, in die Provinz verbunden war.  

 

In den 1990ern und den Nullerjahren war Xinjiang oft von terroristischen Anschlägen geplagt. Im an China grenzenden Wakhan-Korridor wurden gewaltbereite Uiguren, gemeinsam mit den Taliban, für einen religiösen Kampf ausgebildet. Später kamen vereinzelte uigurische Gruppen in Kontakt mit terroristischen Organisationen in anderen Ländern und schlossen sich sogar dem IS an. Es kam wiederholt zu terroristischen Anschlägen, ausgeübt von ultraislamistisch beeinflussten Uiguren im Autonomen Gebiet Xinjiang, auch in anderen Städten Chinas. Zahlreiche Opfer unter Zivilisten und Sicherheitskräften waren zu beklagen. 

 

Mit einem umfassenden Maßnahmenpaket versuchte die chinesische Zentralregierung, dem entgegenzuwirken: Einerseits setzte man auf eine Erhöhung des Wohlstands und die Überwindung der Armut durch umfangreiche Investitionen in die Infrastruktur sowie in die industrielle und landwirtschaftliche Entwicklung, aber auch auf den Ausbau des Bildungssystems. Andererseits wurde auch ein Überwachungssystem zur Bekämpfung jeglicher separatistischer und terroristischer Aktivitäten aufgebaut und die Polizeipräsenz verstärkt.  

 

Um einen eigenen Einblick in das heutige Xinjiang zu bekommen, beschloss ich, meinen für dieses Jahr im Oktober und November geplanten Familienbesuch in China zu nutzen, um einen Abstecher nach Xinjiang zu machen.


Ab nach Xinjiang – unverhofft einfach!  

 

Im Visazentrum in Berlin bestätigte der Beamte, ich bräuchte keinerlei Genehmigung, mein Visum würde ausreichen. Ich zweifelte und erkundigte mich daher nochmals während der Anmeldung bei der lokalen Polizei in Beijing, im Stadtbezirk Tongzhou. Ich benötige keinerlei Genehmigungen, versicherte man mir auch dort, es sei denn, ich wolle ins Raumfahrtzentrum oder in die Grenzregionen zu Afghanistan oder Pakistan reisen. Ich gab vor, genau das zu wollen. In der zentralen Meldestelle des Stadtbezirkes erhielt ich schließlich nach einer kurzen Einweisung in das digitale Verwaltungsterminal, dem Scannen meines Passes, des Visums sowie dem obligatorischen digitalen Foto ein kleines Zertifikat, das mich berechtigte, in alle Kreise Xinjiangs zu reisen. Keinerlei Beschränkungen für den Zweck meiner Reise! 

 

  


Im Government Service Center im Beijinger Stadtbezirk Tongzhou: Die Beantragung der Reisegenehmigung für die Grenzregion in Xinjiang läuft hier komplett digital. (Foto: 26. Oktober 2023) 

 

Angekommen in Kashgar dann zwei weitere Überraschungen: Am Flughafen keine Sicherheitsbeamten, weder im Flughafen noch davor bei der Übernahme des Mietautos. Vor dem Hotel sprang uns dann doch noch ein „Sicherheitsbeamter“ entgegen, der Wachmann des Hotels. Er nahm uns freundlich die Koffer ab, geleitete uns zur Rezeption und brachte uns später sogar das Gepäck bis aufs Zimmer. Sein Equipment, Schutzschild und Helm, lehnten derweil in einer vergessenen Ecke der Lobby. 

 

Am ersten Tag war ein Besuch der Altstadt mit dem berühmten Basar von Kashgar angesagt. Vor dem Eingang fanden sich am Eingang zwei wenig beschäftigte Polizisten, die freudig touristische Auskünfte gaben. Ja, es gibt Absperrungen, ähnlich wie am Wittenberg Platz, an der Berliner Gedächtniskirche. Der Basar in der Altstadt war überlaufen mit Touristen, aber leider weit und breit keine westlichen Besucher, nur „Inlandschinesen“. Das touristische Angebot, wie ich es später auch in der Altstadt von Ürümqi sehen sollte, beschränkte sich auf die üblichen kitschigen Mitbringsel. Allerdings gab es daneben auch lokale kulinarische Spezialitäten. Für Besucher gehört es quasi zum Pflichtprogramm, typische Xinjiang-Gerichte wie Jiao Ma Ji (Pfefferhuhn), Da Pan Ji (Huhn auf Nudeln) und insbesondere auch Shou Zhua Fan, Reis mit Lammfleisch, das mit der Hand gegessen wird, zu probieren. Wegen der scharfen Gewürze sind diese Gerichte gewöhnungsbedürftig. Man muss sie mehrere Male kosten, damit sich einem der wirkliche Genuss erschließt. Abends verwandelten sich einige Straßen der Altstadt in Restaurant- und Barstraßen. Es gab Popmusik, gespielt von Gruppen unterschiedlicher Ethnien. Touristen und Einheimische mischten sich. Es herrschte Wohlfühlatmosphäre. 

 

  


Buntes Treiben in der Altstadt von Kashgar am 5. November 2023 

 

Spannende menschliche und kulturelle Begegnungen  

 

Seit langem zieht mich auch die buddhistische Kultur im Reich der Mitte in ihren Bann. Deshalb lasse ich mir keine Gelegenheit entgehen, mir buddhistische Stätten und Kulturrelikte anzuschauen, wann immer ich nach China komme. Natürlich blieb dieses „Reise-Muss“ auch diesmal nicht aus. 

 

Am zweiten Tag stand also ein Ausflug zur Ruine der buddhistischen Pagode Mo’er an, zirka 50 Kilometer vor den Toren Kashgars in einer Steinwüste gelegen. An der Tempelruine, die übrigens gegenwärtig großräumig als Kulturerbe eingezäunt und für touristische Zwecke aufgewertet wird, trafen wir eine Gruppe ausgesprochen hübscher Uigurinnen, Tänzerinnen einer professionellen Tanzgruppe auf einem touristischen Ausflug. Fotos waren obligatorisch und viele Gespräche möglich. Die Damen waren in der Region Kashgar aufgewachsen und nach dem Besuch der Mittelschule an einer professionellen Tanzschule in traditionellem Tanz ausgebildet worden. In ihren Erzählungen spürte ich keinerlei Hemmungen, sich einem westlichen Ausländer gegenüber im Gespräch zu öffnen. Sie berichteten über ihre zweisprachige Kindheit, die Diskussionen, die es in den Familien über die neue Zeit mit den hohen Bildungsanforderungen und der Industrialisierung gab. Viele ältere Menschen verstünden all dies nicht so recht, erzählten sie. 

 

  


Ein maschinell abgeerntetes Baumwollfeld in der Region Kashgar (Foto: 29. Oktober 2023) 

 

Glauben, was man mit eigenen Augen sieht 

 

Unterwegs wieder eine neue Überraschung: Wir fuhren durch endlose Baumwollfelder, auf denen in Rollen gepresste, frisch geerntete Baumwolle auf ihre Abholung wartete. In der Regel endet die Erntezeit für Baumwolle in dieser Region Ende November. Das Autonome Gebiet Xinjiang der Uiguren gilt als das größte Baumwollanbaugebiet Chinas. Statistiken zufolge wurde 2022 in dieser Region eine Gesamtproduktion von 5,39 Millionen Tonnen erreicht, was mehr als 90 Prozent der landesweiten Baumwollproduktion entspricht. Auf den rund 7,07 Millionen Hektar Gesamtanbaufläche der Region sprießen heute auf mehr als 2,67 Millionen Hektar Baumwollpflanzen. 

 

Während meiner Xinjiang-Reise 2019 hatten wir, damals noch im regionalen Passagierzug, einst mehrere Familien getroffen, die aus dem Landesinneren nach Xinjiang gereist waren, um an den guten Verdienstmöglichkeiten während der Baumwollernte in Xinjiang teilzuhaben. Da allerdings der Baumwollanbau in Xinjiang in den letzten Jahren mechanisiert und intelligent gestaltet wurde, erfolgt die Ernte heute meistens mit modernen Erntemaschinen, die die Rohbaumwolle in Ballen pressen. Was den Anteil der maschinell gepflückten Baumwolle in der Region angeht, so lag dieser nach offiziellen Angaben im Jahr 2016 noch bei 21 Prozent. Bis zum letzten Jahr war er bereits auf 81 Prozent gestiegen.  

 

Bei unserem diesmaligen Besuch konnten wir die gepressten Ballen auf den Feldern sehen. Der Eindruck bestätigte den hohen Anteil der Mechanisierung. Nahe einem Dorf sahen wir auch Frauen, die Baumwolle per Hand ernteten. Es handelte sich aber um ein kleines Feld, auf dem eine Erntemaschine nicht einsetzbar war. Am Feldrand parkten PKWs deutscher Marken, mit denen die Bäuerinnen offensichtlich zum Feld fuhren.  

 

Digitalisierung überall: mehr Annehmlichkeiten und Sicherheit 

 

Während der gesamten Reise, ob in Beijing oder Xinjiang, hatte ich kaum eine Möglichkeit, mit Bargeld zu bezahlen. Alle Zahlungen, ob in Geschäften, auf dem Parkplatz oder im Fastfood-Kiosk am Rande der Autobahn, werden mit einem der digitalen Zahldienste wie WeChat Pay oder Alipay getätigt. Beim Versuch, mit Bargeld zu bezahlen, erntete ich mitleidige Blicke. 

 

  


Schnappschuss nach einer Unterhaltung mit Einheimischen in der Altstadt von Kashgar (Foto: 5. November 2023) 

 

Das digitale Zeitalter hat selbst auf dem Viehmarkt von Kashgar Einzug gehalten. Ich kenne Viehmärkte aus Indien oder der Mongolei, aber dieser hat mich doch überrascht. Alle möglichen Nutztiere mit vielen Unterrassen stehen im Angebot: Schafe, Ziegen, Rinder aller Art, Yaks, Pferde, darunter Renn- und Zugpferde, Kamele, es gab quasi alles. Gehandelt wird wie vor tausend Jahren, es wird gefeilscht, gestritten, geschimpft, gelacht – dann der Handschlag. Das Geschäft ist abgeschlossen. Es folgt der Griff zum Handy und es wird mittels QR-Codes bezahlt. Empfang über 4G- oder 5G-Netz ist hier selbstverständlich. Bargeld war kaum zu sehen, dafür aber frohe Gesichter. 

 

Auf der Autoreise in die Grenzregion des Kreises Tashkurgan, der an Tadschikistan, Afghanistan und Pakistan grenzt und in dem vorwiegend die tadschikische Minderheit lebt, passierten wir einen Kontrollpunkt, vergleichbar mit einer Mautstation. Bei der Einfahrt vernimmt man über einen Lautsprecher, leider nur auf Chinesisch, dass man die Fenster öffnen und in die Kameras schauen soll. Da ich die Ansage nicht verstand, aber als Fahrer am Steuer saß, wurde ich gestoppt. Über meine Reisebegleitung erhielt ich schließlich eine Übersetzung. Fenster öffnen also und in die seitlichen Kameras schauen. Kurzer Blick in die Kamera und wir konnten unsere Fahrt fortsetzen. Gesichtserkennung mit Abgleichung meiner Daten des Passes und des Visums also. Die gleiche Prozedur durchliefen aber alle Reisenden, zum Beispiel mittels Personalausweis, egal welcher Ethnie oder Nationalität sie angehörten. Das war übrigens die einzige Kontrolle während unseres viertägigen Aufenthaltes in dieser Grenzregion. Bei der Anmeldung im Hotel erfolgte, wie in den meisten Regionen der Welt, noch eine Registrierung, auch hier allerdings digital mittels Fotos, sprich papierlos. 

 

Die digitale Vernetzung einschließlich Gesichtserkennung ist flächendeckend, trägt aber zur Vereinfachung und Beschleunigung jeglicher Verwaltung bei. Es kann darüber diskutiert werden, ob das für westliche Demokratien angebracht ist. 

  

Neue Chancen in einer neuen Ära 

 

Als der neue Eisenbahngrenzübergang Alashankou / Druschba zwischen China und Kasachstan eröffnet wurde, organisierte ich gemeinsam mit den chinesischen Beamten in Xinjiang über das neue Terminal die Abwicklung der ersten Container von China nach Europa. Ich bin froh, an der lokalen Entwicklung teilhaben zu können. Vor zehn Jahren stellte Chinas Staatspräsident Xi Jinping der Welt die Seidenstraßeninitiative vor. Bei meiner jüngsten Reise habe ich die Bedeutung dieses Mammutprojekts erneut und hautnah begriffen, und zwar in der Kreisstadt Tashkurgan, wo wir zeitweise übernachteten. 

 

Diese Stadt war über zweitausend Jahre der zentrale Ausgangspunkt der historischen Seidenstraße über das Pamir-Gebirge gewesen. Hier rasteten die Karawanen der Händler mit ihren Kamelen und den kostbaren Waren aus China sowie aus der Gegenrichtung, nämlich Asien und Europa. Auch der während der Tang-Dynastie lebende chinesische Mönch Xuan Zang, der wesentlichen Anteil an der Verbreitung des Buddhismus in China hatte, lehrte in dieser historischen Stadt. Ein wahrhaft historischer Fleck also, vergleichbar mit griechischen oder römischen Sehenswürdigkeiten. 

 

Tashkurgan ist heute ein Touristenmagnet. Mit zunehmendem Bewusstsein für die traditionelle Seidenstraße als Chinas antike Verbindung zur Welt wuchs auch das touristische Interesse. Bereits vor der Coronapandemie strömten die Besucher nach Tashkurgan und lösten einen Bauboom aus. Ein neues Museum, neue Hotels und Restaurants eröffneten. In diesem Jahr erreichten die Besucherzahlen Rekordwerte. Nicht nur die Touristen profitieren von diesen Möglichkeiten, sondern auch die lokale Bevölkerung. Die Restaurants bieten lokale Spezialitäten an. Feuertopf, Hotpot mit Yak-Fleisch, muss man hier probiert haben. Eines Abends hatten wir die Gelegenheit, mehr Einzelheiten über die schnelle Entwicklung zu erfahren. In Gesprächen erfuhren wir, dass der Zuzug von Touristikunternehmen auch für die lokale Bevölkerung viele neue Chancen eröffnete. Arbeitsplätze in den Restaurants und Hotels, Jobs als Reiseführer, aber auch neue Stellen in den neu eröffneten Kindergärten und Schulen. Das gesamte Leben hat sich hier im letzten Jahrzehnt merklich gewandelt. 

 

  


Im Kashgar Museum: Gruppenfoto mit einer Schulklasse nach vorangegangenem Gespräch (Foto: 4. November 2023) 

 

Als pensionierter Logistikmanager wollte ich mir das Museum des Kreises Tashkurgan und das Museum der Seidenstraße in Ürümqi anschauen. Das neue futuristische Kulturzentrum Ürümqis schließt ein Theater, eine Konzerthalle, Kongressräume und das Museum ein. Es ist ein Highlight der modernen Architektur des 21. Jahrhunderts. In einer umfassenden Ausstellung über die Kulturgeschichte Zentralasiens und des westlichen Teils Chinas konnte ich Besucher aller Alters- und jeglicher Volksgruppen sehen. Mein besonderes Interesse erregten die Schulklassen, die gekommen waren. Ich konnte mich unter sie mischen, die Führung durch die Lehrer in Chinesisch und Uigurisch verfolgen. In angeregten Gesprächen im gebrochenen English der Schüler erfuhr ich, dass in der Unterstufe zweisprachig in den jeweiligen Sprachen der Minderheiten – Uigurisch oder Tadschikisch – unterrichtet wird, in den Oberstufen dann nur noch in Mandarin. Zu Hause sprechen die Kinder meist in ihrer ethnischen Sprache. Die jungen Menschen erzählten mir, ihre Nachbarn stammten aus Shanghai, oder aus Kuqa, oder aus Tashkurgan. Die lokale Regierung versucht bei den Wohnungsvergaben (bzw. Verkäufen), Cluster einzelner Volksgruppen zu verhindern und so eine weitgehende Mischung zu erreichen.  

 

Einmal sehen ist besser als hundertmal hören 

 

Kurzum: Die Dörfer, die wir während all der Fahrten durch das Autonome Gebiet passierten, machten alle einen wohlstandsgesicherten Eindruck. Feste Häuser in gutem Zustand mit Elektrizitätsanschluss, Kühe, Schafe, Pferde auf den Weiden, Traktoren und Motorräder sowie Elektroroller vor den Häusern. Armut und Rückständigkeit sieht anders aus. Die hatte ich vor 30 oder noch vor 20 Jahren gesehen. Mir war das ländliche Xinjiang als eine rückständige Region mit schlechten Straßen, ärmlichen Dörfern, vielen Kamelen, Pferden und Eseln in Erinnerung. Keine Touristen, keine Hotels. Da hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine gewaltige Veränderung vollzogen. Nach meiner Stippvisite kann ich mit gutem Gewissen die oben zitierten Aussagen der beiden Sinologen bestätigen. Die Doppelstrategie der chinesischen Regierung scheint Erfolge zu zeigen. Von einer Unterdrückung irgendeiner Minderheit, auch der Uiguren, konnte ich während der gesamten Reise nichts erkennen. Im Gegenteil! Ich sah zufriedene Menschen, neue Wohnviertel, neue Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten und moderne Fabriken. All unseren Journalisten im Westen kann ich nur empfehlen, selbst eine Reise nach Xinjiang zu unternehmen und sich vor Ort mit eigenen Augen ein Bild zu machen. 

  

*Uwe Behrens ist langjähriger Chinakenner und war 27 Jahre unter anderem in China und Indien als Logistikmanager tätig. 

 

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