Die Beziehungen zwischen Qingdao und Mannheim reichen bis ins Jahr 1989 zurück. Im Mai jenes Jahres besuchte ich gemeinsam mit einer Reisegruppe aus Mannheim im Rahmen einer China-Tour auch die Stadt Qingdao. Der seinerzeitige chinesische Botschafter Mei Zhaorong in Bonn, der damaligen Bundeshauptstadt, verriet mir schon vor der Abreise, dass man in Qingdao gut baden könne, weil es dort herrliche Sandstrände gebe. Das war für mich zu jenem Zeitpunkt überraschend, weil man damals Badestrände für Europäer hauptsächlich mit Italien verband. Umso positiver wurden dann meine Frau und ich von den tatsächlich herrlichen Bademöglichkeiten im Meer überrascht und begeistert. Darüber hinaus beeindruckten uns die feinen maritimen Köstlichkeiten der Stadt in ganz besonderer Weise, weil wir diese in China in dieser beeindruckenden Form bis dahin sonst noch nirgends gesehen hatten.
Schon bei diesem ersten Besuch in Qingdao entstanden enge und teilweise auch freundschaftliche Beziehungen zu vielen Repräsentanten und Bürgern der Stadt, die teilweise bis zum heutigen Tag andauern. So kam es, dass wir bei unseren Jahresurlauben, die ab 1990 immer in China stattfanden, diese herrliche Stadt mit ihren weltoffenen Bürgern immer mehr schätzen und lieben lernten.
Einen besonderen Schub bekamen die Beziehungen zwischen unseren beiden Städten dann ab 1994, als ein damals in Mannheim alteingesessenes, über 150 Jahre altes Unternehmen mit einer Firma in Qingdao über den Bau einer Fabrik als örtliche Niederlassung verhandelte. Es handelte sich um die Mannheimer Firma Rhein-Chemie. Zu jener Zeit war es in China noch üblich, dass mit der beteiligten chinesischen Partnerfirma auch der zuständige Bürgermeister mitreiste, um sich den möglichen ausländischen Partner vor Ort und die dazu gehörige Stadt anzusehen. Aufgrund dieser sich dann vertiefenden Beziehungen schlossen unsere beiden Städte 1995 einen Freundschaftsvertrag. Und im Jahr 1999 konnte dann schon die Einweihung der Niederlassung in Qingdao im großen Rahmen gefeiert werden. Aus diesem Anlass pflanzten wir 1999 auch einen Baum, der sich – genau wie diese Firma – seither prächtig entwickelt hat. Als ich im Mai 2025 erneut nach Qingdao reiste, konnte ich mich vor Ort von der glänzenden Entwicklung der besagten Firma und des von mir damals zusammen mit dem seinerzeitigen Kollegen aus Qingdao gepflanzten Baumes überzeugen.
Symbol der Freundschaft: Norbert Egger an dem vor 26 Jahren gemeinsam gepflanzten Nadelbaum (Foto: Norbert Egger)
Diese Geschichte ist für mich ein Sinnbild und auch ein Symbol fairer und vertrauensvoller Entwicklungen zwischen Städten in verschiedenen Staaten, die am Ende weit über die naheliegenden Aufgaben hinausreichen und zu einer vertieften Partnerschaft und Freundschaft führen können. Auf dieser Basis begegneten sich unsere beiden Städte Qingdao und Mannheim in den Folgejahren im gegenseitigen Austausch auf verschiedenste Art.
Von Mannheim aus besuchten beispielsweise große Gesangsvereine und Musikorchester die Stadt Qingdao und beeindruckten die dortigen Bürgerinnen und Bürger nachhaltig. Umgekehrt begeisterten unter anderem die Kinder von „Xiaobaifan“ zahlreiche Zuschauer in Mannheim. Diese Tanzgruppe, die zu Qingdao-TV gehört, trat insgesamt fünfmal in Mannheim auf, zuletzt vor der Coronapandemie im Jahr 2018.
Einen absoluten Höhepunkt bildeten die Auftritte verschiedener Mannheimer Künstlergruppen und die Anwesenheit einer 90-köpfigen Delegation aus Mannheim während der „Mannheim-Woche“ auf der Internationalen Gartenbauausstellung 2014 im Qingdaoer Stadtbezirk Licang. Mannheim hatte ein recht großes Ausstellungsfeld zur Verfügung, das reichlich Platz für Begegnungen zwischen Menschen aus Ost und West bot. Ein besonderes Highlight war dabei der Mannheim-Pavillon.
Der Mannheim-Pavillon auf der Internationalen Gartenbauausstellung 2014 in Qingdao (Foto: Norbert Egger)
Eine in meinen Augen besonders wichtige Aufgabe im Rahmen einer nachhaltigen Kooperation zwischen befreundeten Städten aus China und Deutschland ist auch der Austausch von städtischem Verwaltungspersonal. Meiner Meinung nach sollten dabei die Verwaltungsmitarbeiter in einem gewissen Zeitraum – am besten mindestens drei Monate – in der jeweils anderen Stadt hospitieren, die verschiedenen Verwaltungsabläufe kennenlernen und damit einen Einblick bekommen, wie in der anderen Stadt kommunale Probleme angepackt und gelöst werden. Sie erhalten dadurch persönlichen Kontakt zu ihren jeweiligen Kolleginnen und Kollegen in der Gaststadt und ein besseres Verständnis der fremden Verwaltungspraxis. Darüber hinaus können sie sich auf diese Art weitreichende Kontakte erschließen, als Botschafter ihres eigenen Landes auftreten und mehr Verständnis für die Arbeit und Entscheidungen bei ihren Partnern bewirken. Sprachbarrieren wie noch beispielsweise vor 40 Jahren stellen meiner Meinung nach im Rahmen der zunehmenden Internationalisierung der jungen Leute kein unüberwindbares Problem mehr dar. Dieser Austausch ist zweifellos eine hervorragende Schule zur Förderung der interkulturellen Kompetenz. Und diese ist schließlich die Voraussetzung für gegenseitiges Vertrauen und dauerhafte Freundschaft.
Aus Qingdao waren in den 1990er Jahren und in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts mehrere Mitarbeiter für einige Monate in Mannheim. Sie haben dabei etwas Deutsch gelernt und in hohem Maße Verständnis für deutsches Denken und Verwaltungshandeln gewonnen. Zwei Teilnehmer rückten dann später bis in leitende Funktionen der Stadtverwaltung Qingdao auf und eine weitere Person arbeitete an der Germanistischen Fakultät der Universität Qingdao als Deutsch-Lehrkraft. Leider ist es mir damals nicht gelungen, in der Mannheimer Verwaltung unter dem Nachwuchs Personen zu finden, die für zirka drei Monate als Gast in der Qingdaoer Verwaltung hospitieren wollten.
Erst 2016 schlossen dann schließlich beide Städte einen offiziellen Partnerschaftsvertrag ab, der die großen Errungenschaften in den Begegnungen auch formal besiegelte. Qingdao wurde damit nach Zhenjiang in Jiangsu die zweite Partnerstadt Mannheims in China. Mannheim hat damit als einzige deutsche Großstadt zwei chinesische Städtepartner.
Ebenfalls 2016 startete Qingdao-TV (QTV) eine wahrscheinlich einmalig bleibende große Abenteuerreise: mit fünf PKWs über 18.000 Kilometer auf Verkehrswegen unterschiedlichster Qualität von Qingdao aus quer durch Asien und Europa bis nach Mannheim. Während der Reise versorgte der Sender sein chinesisches Publikum mit aktuellen Fernsehberichten von der Strecke – eine herausragende Demonstration der Freundschaft zwischen Qingdao und Mannheim. QTV hatte damals mit dem Mannheimer Regionalfernsehen RNF einen Kooperationsvertrag abgeschlossen und sich zu dieser großartigen Reise entschieden.
Als die fünf Autos mit ihren chinesischen Kennzeichen nebeneinander auf dem Mannheimer Marktplatz parkten, gab es einen riesigen Menschenauflauf. Auf offener Bühne wurde dieses großartige Ereignis also gebührend gefeiert. Denn die meisten Mannheimer Bürgerinnen und Bürger hatten vorher noch nie chinesische Fahrzeuge mit den entsprechenden Kennzeichen gesehen. Es war eine echte Sensation!
Weit gereist: Die Autos aus Qingdao nach ihrer Ankunft Anfang Dezember 2016 in Mannheim (Foto: Ralph Kühnl)
Im Jahr der Internationalen Gartenbauausstellung in Qingdao, also 2014, trug die Stadt die Idee an mich heran, über meine Besuche in Qingdao seit 1989 ein Buch zu schreiben. Diese Aufgabe habe ich gerne übernommen, nachdem ich seither mindestens einmal jährlich nach Qingdao gekommen und seit über zehn Jahren Ehrenbürger dieser Stadt war. Als früherer Bürgermeister mit 24-jähriger Berufserfahrung glaubte ich zudem, mir aus fachlicher Sicht ein Urteil erlauben zu dürfen. Die erste Auflage meines Buches, dem ich den Namen „Ein Tor zur Welt – Qingdaos Aufstieg aus persönlicher Sicht“ gab, erschien 2016 auf Deutsch und Englisch und wurde 2017 auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.
Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 (Foto: Norbert Egger)
Die Entwicklung Qingdaos, ja ganz Chinas erfolgte wie im Zeitraffer. Ich komme nun seit über 40 Jahren nach China – in manchen Jahren bis zu fünfmal – und bin der festen Überzeugung, dass es in der gesamten Menschheitsgeschichte keine derart rasante und dynamische Entwicklung gegeben hat wie dort, zumal es unserer Spezies in früherer Zeit an den heute verfügbaren technischen Möglichkeiten mangelte.
2020 folgte dann eine überarbeitete Neuauflage meines Werkes, die aufgrund der erheblichen Veränderungen und der Dynamik in Qingdao in diesem für westliche Augen relativ kurzen Zeitraum erforderlich wurde. Besonders gefreut hat mich dabei, dass der frühere Außenminister Li Zhaoxing hierzu das Vorwort schrieb. Seine Ausführungen haben mich besonders berührt. So etwa die folgenden Worte: „Ein ausländischer Freund bringt nicht zuletzt mit diesem Buch, seinen ausführlichen Schilderungen und ausgewählten Bildern seine große Begeisterung für Qingdao zum Ausdruck und stellt dabei umfassend aus einer einzigartigen Perspektive und mit klaren Ansichten unter anderem Qingdaos Geschichte, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Tourismus vor.“
Bei der ersten Sitzung der Kommission am 11. Dezember 2017 zur Entwicklung von Qingdaos Weltstadtstrategie: Norbert Egger hat Außenminister Li Zhaoxing (erste Reihe Vierter von links) als freundlichen und äußerst sympathischen Kollegen auf dieser Konferenz kennengelernt. (Foto: Norbert Egger)
*Prof. Dr. Norbert Egger ist ehemaliger Bürgermeister von Mannheim sowie Ehrenbürger der Städte Qingdao und Zhenjiang.
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