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Neuanfang fern der Heimat: Umsiedlung als Weg aus der Armut

2019-06-14 15:31:00 Source:China heute Author:
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Von Zhou Lin



Blick auf die traditionsträchtige Gemeinde Shexiang


Das Wumeng-Gebirge ist einer der Hauptgebirgszüge des Yunnan-Guizhou-Plateaus im Südwesten Chinas. Durch die für die Gegend typische Karstlandschaft ist es hier so holprig, dass kein Weg von drei Li Länge flach ist.

 

In den 38 Kreisen der Provinzen Guizhou, Yunnan und Sichuan, welche die Wumeng-Gebirgsregion einschließt, siedeln auch viele Angehörige nationaler Minderheiten, vor allem der Yi-Nationalität. Zudem liegen viele Gebiete Chinas, die in akuten Schwierigkeiten stecken. Vielerorts tritt hier die Armut in großem Ausmaß, auf hohem Niveau sowie in komplizierten und verschiedenartigen Formen auf. Die Gebiete gelten deshalb als „harter Knochen“ bei der Lösung von Schlüsselproblemen der Armutsüberwindung.

 

Boden und Wasser reichen nicht als Ernährungsgrundlage

Der Kreis Dafang, der verwaltungsmäßig der Stadt Bijie in der Provinz Guizhou untersteht, ist einer der 38 Kreise hier, die in akuten Schwierigkeiten stecken. Die Landschaft Dafangs besticht durch ihre malerischen Ausblicke in weite Ferne. Am Horizont scheinen die weißen Felswände, wie von Schwert und Axt gespalten, direkt mit dem Himmel zu verschmelzen. Bergstraßen schlängeln sich in Serpentinen über die Gebirgsketten. Durch die schroffen Felswände von der Außenwelt abgeschirmt liegt hier das Dorf Yuanbao der Gemeinde Duijiang.

 

Hier lebte einst der 29-jährige Luo Xuefeng mit seiner fünfköpfigen Familie. Er, seine Frau und seine drei Kinder waren unter den ersten, die im Oktober 2017 aus dem kleinen Dorf in die historische Gemeinde Shexiang im Kreis Dafang umsiedelten. Betritt man heute die neue Wohnung der Familie, fallen einem sofort die alten Schwarzweißfotos an der Wohnzimmerwand ins Auge, auf denen ein gedrungenes, dunkles Steinhaus zu sehen ist, dessen Außenwänden Wind und Regen über die Jahre stark zugesetzt haben. Sie sind Zeugen des ehemals rauen Alltags der Familie in den Guizhouer Bergen.

 

Wegen des unfruchtbaren Gebirgsbodens, der schlechten Verkehrsanbindung und mangels besserer Fertigkeiten konnte Luo seine Familie dort lange nur über Gelegenheitsjobs und schweres Schuften kümmerlich ernähren. Die Einschulung der älteren Tochter stand kurz bevor. Wie man ihr den Schulbesuch ermöglichen sollte, bereitete der Familie großes Kopfzerbrechen.

 

„Als wir noch in Yuanbao wohnten, musste ich mit meiner Tochter den Schulweg zu Fuß zurücklegen. Anderthalb Stunden dauerte der einfache Marsch zur Grundschule, zurück noch einmal genauso lange. Die Bergpfade waren rutschig und kurvig. Bei Regen und Schnee war die Strecke noch gefährlicher“, erinnert sich Luo. Jeden Tag musste eines der Elternteile die Tochter zur Schule begleiten und auch wieder abholen. Doch auch die anderen beiden Kinder mussten betreut werden. So blieb den Eheleuten keine Zeit mehr, um Geld zu verdienen. Die Familie konnte sich kaum noch über Wasser halten. Kurz nach der Einschulung beschloss die Familie deshalb, der abgeschiedenen Bergregion den Rücken zu kehren und zunächst bei Verwandten im Kreis Dafang einzuziehen.

 

Der Umzug bringt die Wende

 


Neues Zuhause: Familie Luo in ihren neuen eigenen vier Wänden


Die historische Gemeinde Shexiang, vier Kilometer nördlich der Kreisstadt Dafang gelegen, befindet sich nahe einer nationalen Schnellstraße, besitzt also eine gute Verkehrsanbindung. Hier gibt es nicht nur belebte Einkaufsstraßen und ein gut besuchtes Geschäftsviertel, sondern auch ein Umsiedlungsgebiet für Armutsüberwindung sowie einen einzigartigen Naturpark mit den für die Region so charakteristischen Reisterrassen. Die Gemeinde Shexiang ist geprägt von einer eigenen Kultur und Geschichte, alten Volksbräuchen und der landschaftlichen Idylle des Wumeng-Gebirges. Hier lässt sich die Kultur der Yi-Nationalität hautnah erleben, weshalb sich der Kulturtourismus zu einem „goldenen Schlüssel“ zur Verbesserung des Lebensstandards der umgesiedelten Bewohner entwickelt hat. Durch diese neue Einnahmequelle hoffen die Menschen langfristig zu Wohlstand zu gelangen.

 

Gemäß der Armutsüberwindungs- und Umsiedlungspolitik der Regierung hatte Familie Luo, deren jährliches Pro-Kopf-Nettoeinkommen unter der Armutsgrenze von 3335 Yuan lag, Anspruch auf eine Wohnung von über 100 Quadratmetern mit drei Schlafzimmern und einem Wohnzimmer in der Gemeinde Shexiang. „Betten, Kleiderschränke, ein Sofa, TV-Gerät und Fernsehschrank, Gardinen, ein Herd und ein Reiskocher – alle nötigen Möbel und Elektrogeräte waren vorhanden. Wir konnten sofort einziehen“, erzählt uns Luos Frau lächelnd, und hält sich dann bewegt die Hand vor den Mund.

 

Im Schlafzimmer der beiden Töchter von Luo hängen Auszeichnungen für hervorragende schulische Leistungen, welche die Schule der älteren Tochter verliehen hat. Luos jüngere Tochter besucht mittlerweile die von der Evergrande Group errichtete örtliche Vorschule. Der jüngste Spross der Familie wird bald in den Kindergarten kommen. Luos Frau hat in der Geschäftsstraße der Gemeinde eine Arbeit mit einem monatlichen Einkommen von rund 2000 Yuan gefunden.

 

Wang Changyu, geboren in den 1990er Jahren und als Freiwilliger im Bereich Armutshilfe für die Evergrande Group im Kreis Dafang tätig, sagt, Veränderungen wie die der Familie Luo seien einer gezielten Umsiedlungspolitik zu verdanken. Unternehmen und Gemeindeverwaltung hielten bei der Hilfe zur Armutsüberwindung daran fest, die Umsiedlung gut auf die Beschäftigungsmöglichkeiten und verfügbare Geldmittel des Zielortes der Umsiedlung abzustimmen. In den Umsiedlungsgebieten würden medizinische Einrichtungen errichtet und den Gebieten entsprechende Bildungsressourcen zugewiesen. Außerdem garantiere man Familien ohne Beschäftigung am neuen Wohnort mindestens einen Arbeitsplatz.



 Feierliche Zeremonie anlässlich des Umzuges in das neue Umsiedlungsgebiet „Herrliche Blumenstadt“ 


Jeden Morgen bringt Luo seine Töchter zur Schule bzw. in die Vorschule. Danach arbeitet er auf einer Baustelle im Kreis. Der Lebensunterhalt der Familie ist somit nach dem Umzug gesichert.

 

„Als wir noch im Gebirge gewohnt haben, ging ich schon kurz nach dem Einbruch der Dunkelheit ins Bett. Heute kann ich mit meinen Kindern fernsehen oder an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen. Hier ist immer etwas los!“, beschreibt Luo das neue Familienleben fern der abgeschiedenen Berge.

 

Wieder- und Neuaufbau

 

Für die Angehörigen der Miao-Nationalität, die seit Generationen in der Abgeschiedenheit der Berge leben, ist es kein Leichtes, das Gebirge zu verlassen und von heute auf morgen im Zuge der Armutsüberwindung der alten Heimat Lebwohl zu sagen.

 

Der Kreis Qianxi liegt rund eine Autostunde entfernt vom Kreis Dafang. Auch er ist besonders schwer von der Armut betroffen. 2017 zogen insgesamt 16.852 Bewohner des Kreises in das neue Umsiedlungsgebiet Jinxiu Huadu (Herrliche Blumenstadt) um. 700 der Umgesiedelten waren Angehörige der Miao-Nationalität.

 

Damit die in Not lebenden Menschen lernen, auf eigenen Beinen zu stehen, und von dem Gedanken Abstand nehmen, sich auf staatliche Hilfen zu verlassen, auf Geldzuwendungen angewiesen zu sein und Mittel zur Armutsüberwindung einzufordern, bot das örtliche Amt für Personalressourcen und Sozialabsicherung gemeinsam mit der Dazheng-Familienberufsschule der Provinz Guizhou den Familien im neuen Umsiedlungsgebiet spezielle Ausbildungskurse zum Erlangen von Berufskompetenzen an. Die Kurse vermittelten hauptsächlich Kenntnisse rund um erfolgreiche Haushaltsführung. Es wurden mehr als 20 Spezialkurse zu Themen wie Gesetze, Umgangsformen, eigenes Image, richtige Verwendung von Elektrogeräten, Kinderernährung und -erziehung, Altenpflege und Betreuung von Schwangeren angeboten. 91 umgesiedelte Familien erhielten nicht nur eine kostenlose Ausbildung, sondern auch konkrete Unterstützung im Alltag. Nach der Berufsausbildung wurden sie umgehend in eine Anstellung vermittelt.

 

Bei der Umsiedlung nehmen die Verantwortlichen auch Rücksicht auf die alten Traditionen und Volksbräuche der Minderheiten. „ Als die Miao noch in den Bergen lebten, gab es bei Bestattungen der Alten das Daga-Ritual, bei dem ein Ochse als Opfertier geschlachtet wurde“, sagt Tian Peng, der Sekretär der Parteizelle des neuen Umsiedlungsgebiets. „Nach dem Umzug in die Stadt fehlte es aber in den neuen Wohnbezirken an entsprechenden Örtlichkeiten und Bedingungen, um dieses Ritual weiterhin durchzuführen. Aus Respekt vor der Kultur und den Bräuchen der Menschen, planen wir derzeit in der Nähe der Wohnbezirke einen zentralen Ort für Trauerfeierlichkeiten zu errichten. Auch in der Trauer sollen die Menschen schließlich ein Gefühl der Teilhabe an den Früchten der Entwicklung verspüren, die die Umsiedlung den Menschen bringt“, so Tian.



Ausgelassene Szene: Auch die jüngsten Dorfbewohner haben sich in der neuen Umgebung bestens eingelebt. 


Die Armutsüberwindung durch Umsiedlung ist sowohl ein Projekt des Wiederaufbaus und Umbaus bisheriger Wohnviertel, als auch ein systematisches Projekt zur Verbesserung der Bevölkerungsverteilung und dem Schutz der Umweltressourcen, aber auch zur Neuausrichtung und Verbesserung von Wirtschaft und Gesellschaft. Es bezieht sich nicht nur auf Umsiedlung, Infrastrukturmaßnahmen oder den Aufbau öffentlicher Einrichtungen, sondern auch auf viele weitere Aspekte wie Beschäftigung und Existenzgründung, Governance der Wohlviertel und den Schutz des kulturellen Erbes.

 

Seit der Errichtung der Bijie Experimental Zone durch den Staatsrat im Juni 1988 haben Basiskader und Bevölkerung gemeinsam hart und standhaft gearbeitet, um die großen Veränderungen in der Pilotzone zu bewirken und eine Modellzone zur Lösung der Schlüsselprobleme der Armutsüberwindung zu schaffen. Die Erfolge der Armutsbekämpfung durch Umsiedlung in den Kreisen Dafang und Qianxi bilden dabei nur einen exemplarischen Ausschnitt der Praxis der Armutsüberwindung der Stadt Bijie.

 

Im April 2018 gab die Staatliche Kommission für Entwicklung und Reform das Dokument „Politik für die Umsiedlung zur Armutsüberwindung“ heraus. Laut den darin enthaltenen Statistiken haben sich 22 Provinzen, autonome Gebiete und regierungsunmittelbare Städte Chinas bei ihren Anstrengungen zur Armutsüberwindung seit dem Beginn des Kampfes zur Lösung von Schlüsselproblemen erfolgreich auf ihre Kernziele konzentriert. Sie erzielten eine Reihe von Erfolgen auf dem Gebiet der präzisen Identifizierung von besonders betroffenen Regionen und Haushalten, der Auswahl der Umsiedlungsorte, dem Wohnungsbau und auch im Bereich Fondsmanagement sowie der Entwicklungsförderung. Allein in den Jahren 2016 und 2017 ist es gelungen, rund 5,89 Millionen Menschen durch Umsiedlung aus der Armut zu befreien. Und 2018 wurden noch einmal rund 2,8 Millionen Menschen umgesiedelt, womit die meisten Aufgaben der Umsiedlung zur Armutsbekämpfung und Umsiedlung, die für die Periode des 13. Fünfjahresplans vorgesehen sind, bereits erfüllt wurden.

 

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