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40 Jahre im Wandel – Eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund der Reform und Öffnung

2018-09-29 15:06:00 Source:China heute Author:
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Unsere Autorin mit der Familie ihres Onkels sowie der Großmutter mütterlicherseits im Jahr 2002.

 

 


Von Jiang Fumei*

 

1978 führte China seine Reform- und Öffnungspolitik ein, eine Entscheidung, die das Leben der Chinesen nachhaltig beeinflusst hat. So auch meines und das meiner Familie, die aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen stammt.

 

Es ist nun 40 Jahre her, seit China die Reform und Öffnung einläutete. Vierzig Jahre, in denen sich vieles bewegt hat, auch in unserer Heimat, dem ehemaligen Kreis Longyan in der südostchinesischen Provinz Fujian. In diesen 40 Jahren konnten meine Eltern ihre frühere ständige Bange vor den Folgen von Kälte und Hunger hinter sich lassen. Meine beiden Geschwister und ich kamen in den Genuss einer Hochschulbildung. Mittlerweile haben wir alle in der Stadt festen Fuß gefasst und auch unseren Kindern eröffnen sich gute Zukunftsperspektiven. Auch sie genießen heute eine gute Schulbildung. Alle drei Generationen unserer Familie führen heute also ein völlig anderes Leben als einst noch unsere Vorfahren. Reform und Öffnung haben dabei eine Schlüsselrolle gespielt.

 

In den diesjährigen Sommerferien besuchte ich das Provinzmuseum Shaanxi. Als ich die ausgestellten, über 2000 Jahre alten Agrargräte sah, wurde mir plötzlich bewusst, dass sie für immer aus unserem modernen Arbeitsleben verschwunden sind.

 

Meine Eltern – „Der Himmel segnet die Fleißigen mit einer reichen Ernte.“





Familienfoto vor der Aufnahme des Hochschulstudiums im Jahr 1995. Autorin Jiang Fumei ist in der zweiten Reihe (1.v.l.) zu sehen.

 


 

Mein Vater und meine Mutter wuchsen beide als Waisen auf. Ihre Ehe wurde von der älteren Generation im Ort eingefädelt. Als im Jahr 1978 der Wandel eingeleitet wurde, hatten die beiden bereits zwei Töchter in die Welt gesetzt, mich und meine ältere Schwester. Im Geburtsjahr der Reform und Öffnung war mein Vater 26 Jahre alt und meine Mutter 24.

 

Damals gehörte unsere Familie wie Dutzende andere des Dorfes einer Produktionsbrigade an. Die Erwachsenen des Ortes sowie alle Jugendlichen ab dem zehnten Lebensjahr erwirtschafteten so genannte „Arbeitspunkte“, die sie gegen Getreide, Fleisch, Baumwollstoffe und Alltagsbedarfsartikel eintauschen konnten.

 

Ich erinnere mich noch gut, dass wir uns im Frühsommer oft von einer Art Brei ernährten, den meine Mutter aus Süßkartoffelnmehl und Reis zubereitete, weil zu dieser Zeit des Jahres die neue Reisernte noch nicht eingebracht und die Nahrungsreserven aus dem Vorjahr bereits aufgebraucht waren. Es war eigentlich eine Notspeise, die den Hunger stillen sollte, doch aus meiner kindlichen Sicht empfand ich sie als willkommene Abwechslung.

 

Zwar wurde die Reform- und Öffnungspolitik bekanntlich bereits im Dezember 1978 eingeführt, in unserem Alltagsleben traten die Veränderungen aber erst zwei Jahre später ein. Dann nämlich wurde der Produktionsbrigade als Modell kollektiven Arbeitens offiziell ein Ende gesetzt. Die früher von der Produktionsbrigade bewirtschafteten Äcker wurden an die einzelnen Bauernhaushalte verteilt. In jenem Jahr übernahmen meine Eltern also vertraglich die landwirtschaftliche Bewirtschaftung ihres Ackerlandes. Es war auch das Jahr, in dem mein jüngerer Bruder das Licht der Welt erblickte. Als fünfköpfige Familie gingen wir einer neuen Zeit entgegen.

 

Nach der pauschalen Übernahme der landwirtschaftlichen Produktion arbeitete mein Vater nun nicht mehr für „Arbeitspunkte“, sondern nahm stattdessen die Bewirtschaftung der gepachteten Äcker selbst in die Hand. Jeden Tag machte er sich dafür in aller Frühe auf zu den Feldern, um sich um das Wachstum der Feldfrüchte zu kümmern und die anfallenden Arbeiten zu verrichten. Jährlich wurden zwei Ernten eingebracht. In der Nebensaison ging mein Vater zudem in die Forstfarm, um beim Holztransport mitanzupacken und sich so einen kleinen Nebenverdienst zu erwerben. 1984 wurden die Äcker schließlich nach der Anzahl der Familienmitglieder verteilt. Obwohl mein Bruder noch keine zehn Jahre alt war, erhielt auch er ein Stück Landfläche, durch deren Bewirtschaftung sein Nahrungsbedarf gedeckt werden sollte.

 

Ein chinesischer Sinnspruch lautet: „Der Himmel segnet die Fleißigen mit einer reichen Ernte.“ Und meine Eltern waren fleißige Leute. Mein Vater lieferte die im Vertrag vorgesehene Getreidemenge pünktlich an das Kollektiv ab und verkaufte einen Teil der übriggebliebenen Erzeugnisse. Mit dem eingebrachten Geld leistete er sich eine elektrische Mahlmaschine zur Tofu-Herstellung. Eine Zeitlang haben wir den hausgemachten Tofu auch an unsere Nachbarn und andere Dorfbewohner verkauft. Durch dieses kleine Zusatzgeschäft sicherten sich meine Eltern eine weitere Einnahmequelle, sodass der Geldbeutel im Alltag nun etwas lockerer saß.

 

Mein Vater ist zudem technisch geschickt. Er brachte sich selbst bei, wie man einen Herd aus Lehm baut. Außerdem eignete er sich Fachkenntnisse über den Anbau und die Bearbeitung von Tabak an. Eine Zeitlang bewirtschaftete er darüber hinaus eine Fläche zum Anbau von Reissaat. Die zunehmend intensiver werdende Warenzirkulation sorgte dafür, dass eine spezielle rote Süßkartoffelsorte aus unserer Region als Lokalspezialität ihren Weg auf den inländischen und auch den ausländischen Markt fand. Allmählich spezialisierte sich mein Vater deshalb neben Tabak auch auf den Anbau von Süßkartoffeln.

 

Ich erinnere mich, dass mein Vater jeden Tag mehr als zwölf Stunden hart arbeitete und das sieben Tage die Woche. Auch meine Mutter schuftete von früh bis spät. Auf diese Weise erwirtschaftete unsere fünfköpfige Familie zwar keine großen Reichtümer, doch für das Leben aller war gut gesorgt. Nach Abzügen wie den Abgaben für Landwirtschaft, Bildung und Verkehr konnten unsere Eltern die Schulgebühr für uns Kinder stets mühelos pünktlich entrichten. Nach ein paar Jahren zogen wir von unserer ehemaligen schäbigen Behausung aus Lehm in ein neues modernes Wohnhaus mit sechs Zimmern und zwei Wohnzimmern um.

 

Dank der großen historischen Strömung der Reform und Öffnung gelang es meinen Eltern innerhalb von nur zwei Jahrzehnten, unser Leben zu bescheidenem Wohlstand zu führen. Meine ältere Schwester schloss Ende der 1990er Jahre ihr Studium ab und fand eine gute Anstellung und auch mein jüngerer Bruder bestand die landesweite Hochschulaufnahmeprüfung und nahm ein Studium auf. Allmählich wandelte sich damit unser Familienleben. Die langjährige harte Arbeit auf dem Feld hatte meinen Eltern körperlich zugesetzt, sodass sie sich schließlich aus der Landwirtschaft zurückzogen.

 

Meine Geschwister und ich – Vom Dorf an die Universität




 

Besuch des Campuses der Tsinghua-Universität mit Klassenkameraden der Mittelschule im Jahr 2000.

 


In unserer Kindheit haben meine ältere Schwester und ich niemals Hunger gelitten. Wir hatten zwar nicht viel anzuziehen, aber es reichte, um unseren Grundbedarf an wärmender Kleidung zu decken. Unser Spielzeug bastelten wir uns selbst – genauso wie meine Eltern in ihrer Kindheit. Wir formten zum Beispiel Handfiguren oder kleine Fahrzeuge aus Lehm, flochten Schuhe aus Strohhalmen oder kreierten Halsketten aus Gemüseblattstielen. Das bereitete uns eine Menge Spaß.

 

Im Herbst 1982 fing meine Schwester an, den Kindergarten zu besuchen. Damals war mein kleiner Bruder noch nicht einmal ein Jahr alt und ich selbst war gerade fünf geworden. Meine Mutter musste sich um meinen Bruder kümmern. So ging auch ich schon mit meiner Schwester in den Kindergarten. Ich erinnere mich noch gut an die Raumnot, die dort herrschte, weshalb die Betreuung abwechselnd im Wohnhaus der Erzieherin und den Räumen der einstigen Produktionsbrigade stattfand. Erst später wurde ein richtiger Kindergarten gebaut, der dann über die Jahre ständig erweitert wurde.

 

In jener Zeit war gerade die staatliche Schulpflicht eingeführt worden. Die Lehrer setzten deshalb alles daran, alle Kinder im Schulalter, die zum Beispiel ihre jüngeren Geschwister zu Hause betreuten oder bei der Feldarbeit halfen, dazu zu bewegen, die Schulbank zu drücken. So wurden allmählich auch die Schulen ausgebaut. Als meine Schwester und ich in die Mittelschule kamen, besuchte mein Bruder die neu gebaute Grundschule.




Ein weiterer Familienschnappschuss: Jiang Fumei (1.v.l.) beim Besuch des jüngeren Bruders während des Frühlingsfests 2017.

 

 

Wir alle waren gute Schüler und unseren Eltern sehr dankbar. Obwohl das Schulgeld für uns drei Kinder sich auf einen beachtlichen Betrag summierte, zahlten sie stets ohne Verzögerung. Außerdem deckten sie all unsere Lebenskosten. Einige meiner Mitschüler beendeten ihre schulische Karriere bereits nach dem Abschluss der Unterstufe der Mittelschule. Danach kehrten sie entweder in ihr Heimatdorf zurück, um bei der Feldarbeit mitanzupacken, oder traten eine Stelle als Arbeiter in einer Fabrik an. Ihre Monatslöhne lieferten sie bei den Eltern ab, die ihnen wiederum ein Taschengeld für den Lebensunterhalt auszahlten.

 

1995 bestanden meine Schwester und ich die landesweite Hochschulaufnahmeprüfung. Meine Schwester nahm ein Studium an einer pädagogischen Hochschule in der Provinzhauptstadt auf, wo sie keine Studiengebühren zahlen musste. Mir gelang der Sprung an die chinesische Eliteuniversität Tsinghua in Beijing. Dort fielen für mich nur geringe Studiengebühren an und zudem bekam ich ein kleines Stipendium.

 

Meine Schwester schloss ihr Studium im Jahr 1997 ab und kehrte danach in die Heimat zurück, um als Lehrerin an einer Mittelschule zu unterrichten. Zwei Jahre später gelang auch meinem Bruder der Sprung an eine Hochschule in Beijing. Im Vergleich zu meiner Studienzeit hatten sich seine Studiengebühren jedoch vervielfacht. 2002 absolvierte ich mein Magisterstudium und fand eine Arbeitsstelle an einem Forschungsinstitut. Im selben Jahr schloss mein Bruder sein Bachelorstudium ab und begab sich auf die schwierige Suche nach einer festen Anstellung.

 

Er fand zunächst eine Anstellung in einem privaten Unternehmen, wo er acht Jahre tätig war. Nach dem Ausbruch der internationalen Finanzkrise sank sein Gehalt drastisch, woraufhin er seine Stelle kündigte. 2010 fand er in Xiamen, einer Metropole der Provinz Fujian, eine neue Arbeitsstelle. Nach dem Wechsel seiner Arbeitsstelle hielt er mit der IT-Entwicklung Schritt. Das sollte sich auszahlen. Auch ohne Beförderung verdoppelte sich sein Gehalt innerhalb von nur sechs Jahren. Im Allgemeinen haben wir drei Geschwister in den letzten Jahren eine schnelle Gehaltserhöhung erlebt. In den vergangenen mehr als zehn Jahren hat sich unser Gehalt mehr als verdreifacht.

 

Wir Kinder haben uns in verschiedenen Städten Eigentumswohnungen gekauft und verfügen zudem über einige Rücklagen. Mit unserem Einkommen können wir im Alltag gut auskommen, auch wenn wir es uns nicht leisten können, allzu oft auswärts zu essen. Auch ein jährlicher Urlaub ist finanziell durchaus machbar, auch wenn es keine Luxusreise wird, sondern in der Regel eine Pauschalreise in der Gruppe.

 

Die ehemaligen Spielgefährten und Klassenkameraden aus meiner Heimat haben zumeist keine Hochschulbildung durchlaufen, aber viele haben sich in den Städten ansässig gemacht. Einige verdienen ein überdurchschnittliches Gehalt, haben eigene Wohnungen und fahren jedes Jahr in Urlaub.

 

Unsere Kinder – Neue Chancen, neue schwierige Entscheidungen




Jiang Fumei mit ihrer Tochter in ihrer Heimat in der Provinz Fujian

 

2004 lud ich meine Eltern in meine Wahlheimat Beijing ein. Damals war meine Tochter noch nicht auf der Welt und mein Mann und ich unternahmen mit ihnen am Wochenende oft Ausflüge in die Vorstadt. Nach der Geburt meiner Tochter habe ich nur zwei Monate Mutterschaftsurlaub genommen, dann ging ich wieder zur Arbeit. Das war vor allem deshalb möglich, weil meine Eltern wie die meisten Großeltern in China den Großteil der Betreuung ihrer Enkeltochter übernahmen.

 

So gingen die Jahre ins Land. Meine Mutter bildet heute noch immer für uns eine wichtige Stütze im Haushalt. Mein Vater konnte sich hingegen nie richtig an das Leben in der Großstadt gewöhnen, weshalb er mittlerweile alleine in die Heimat zurückgekehrt ist. Meine Mutter hilft mir bei der Hausarbeit wie dem Kochen, Wäschewaschen und Putzen. Außerdem bringt sie unsere Tochter zum Nachhilfeunterricht sowie zu den Musik-, Mal- und Tanzkursen.

 

Um grundlegende Dinge wie Nahrung und Kleidung müssen wir uns nicht sorgen, sondern erleben stattdessen wachsenden Wohlstand. Weltweit sind wohl nur die chinesischen Eltern in der Lage, so viel Energie und Finanzmittel in die Erziehung ihrer Kinder zu stecken. Das fängt bereits bei der Schwangerschaft an und geht weiter mit der frühkindlichen Erziehung und Talentförderung. In Chinas Metropolen geben Familien mit durchschnittlichem Einkommen mehr als die Hälfte ihrer Einkünfte für außerschulische Kurse und andere Veranstaltungen für ihre Kinder aus, und das obwohl die neunjährige Schulbildung nach der allgemeinen Schulpflicht in China gratis ist. In manchen Familien machen diese Ausgaben bis zu 80 Prozent des Einkommens aus.

 

Wir selbst gaben 2013 ein Sechstel unseres Jahreseinkommens für eine zehntägige Bildungsreise nach Europa für unsere Tochter aus. In chinesischen Großstädten ist es bereits Gang und Gäbe, dass die Kinder in den Ferien auf eine Bildungsreise ins Ausland geschickt werden. Die Kinder meiner Kollegen reisen in den Ferien zu 30 Prozent ins Ausland.




Familientrip: In den Sommerferien 2018 reiste unsere Autorin mit Mutter und Tochter in die Stadt Xi’an.

 

 

Im vorigen Jahr wurde meine Tochter in eine gute private Mittelschule aufgenommen. Ansonsten hätte sie eine mittelmäßige öffentliche Schule besuchen müssen. Die Regierung bemüht sich natürlich, ein gleichmäßiges schulisches Bildungsangebot zu schaffen und das Gefälle der Bildungsqualität zwischen einzelnen Schulen zu verkleinern. Doch der größte Wunsch der meisten Eltern ist es natürlich, dass ihre Kinder eine bessere Schule besuchen können, damit sie in Zukunft an einer guten Universität in China bzw. in Europa oder Amerika studieren können.

 

Unsere Tochter ist in diesem Jahr 13 Jahre alt geworden und ihr Englisch übertriff bereits das durchschnittliche Englischniveau eines Hochschulstudenten zu meiner Zeit. Ein Fünftel der Mitschüler meiner Tochter hat vor, nach dem Abitur ein selbst finanziertes Bachelorstudium an einer europäischen oder amerikanischen Universität aufzunehmen, was für meine Generation noch undenkbar gewesen wäre. In meiner Studentenzeit konnte man nur mit einem Auslandsstipendium zum Studium ins Ausland gehen.

 

Die Tochter meiner Schwester schlägt derweil eine andere Laufbahn ein. Sie ist fünf Jahre älter als meine Tochter. In ihrer Kindheit besuchte sie einen Kindergarten in der Gemeinde und durchlief die Grund- und Mittelschulbildung in der Schule, wo meine Schwester arbeitet. Im Juni dieses Jahres hat sie an der chinesischen Hochschulaufnahmeprüfung teilgenommen, schnitt jedoch eher mittelmäßig ab. Sie steht nun vor der Wahl, die Hochschulaufnahmeprüfung entweder im nächsten Jahr zu wiederholen oder direkt ein Studium an einer mittelmäßigen Hochschule aufzunehmen, um später nach einer besseren Plattform für ihre Entfaltung zu suchen. Eine schwierige Entscheidung, die sie noch immer nicht gefällt hat.

 

*Autorin Jiang Fumei ist freiberufliche Journalistin. 

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