Das Märchen „Ma Liang mit dem Zauberpinsel“ kennt in China jedes Kind. Der Zauberpinsel aus der Geschichte, der gemalte Vögel zum Fliegen und gemalte Fische zum Schwimmen bringt, reiste über Tausende Kilometer auch in türkischsprachige Kinderzimmer, in Form eines Comicbuches, um von dort aus die China-Faszination eines zwölfjährigen Jungen zu entfachen.
Der Name des Jungen: Giray Fidan. Jahre später griff er zu einem anderen unsichtbaren „Pinsel“ – der Übersetzung – und baut damit bis heute Brücken der Verständigung zwischen den beiden großen Zivilisationen Chinas und der Türkei.
Heute ist Giray Fidan Leiter des Fachbereichs für orientalische Sprachen der Hacı-Bayram-Veli-Universität in Ankara. Seit mehr als zwanzig Jahren schon widmet er sich intensiv der Sinologie und der literarischen Übersetzung, überträgt die Gedanken und Werke von Konfuzius, Sunzi, Cao Xueqin und Lao She direkt aus dem Chinesischen ins Türkische. In seinem Bücherregal stapeln sich auf der einen Seite vergilbte chinesische Originaltexte, auf der anderen Seite eine stetig wachsende Sammlung türkischer Übersetzungen. Sein Verständnis von China reicht dabei weit über das geschriebene Wort hinaus. Er ist auch ein Kenner der gesellschaftlichen Praxis der Gegenwart.
Giray Fidan bei seinem Vortrag auf der Präsentationsveranstaltung zum fünften Band von „Xi Jinping: China Regieren“
„Grün ist Gold“ als Sinnbild chinesischer Weisheit
Als Sinologe, der das Land seit zwanzig Jahren erforscht, habe er China natürlich viele Male besucht, sagt er. „Besonders die Eindrücke der letzten Jahre aber haben sich mir tief ins Gedächtnis eingebrannt.“ Ein Schlagwort bringt die Erfolge der gegenwärtigen Regierungsführung in China für ihn am besten auf den Punkt: Sauberkeit. Von der Groß- zur Kleinstadt sei heute alles merklich sauberer geworden, findet er.
Nach über zwanzig Jahren der intensiven Beschäftigung mit China beobachtet der gebürtige Türke weit mehr als die Verbesserungen der Wohn- und Umweltbedingungen. Er erkennt vielmehr tieferliegende philosophische Konstanz. „Chinas moderner Slogan ‚Grün ist Gold‘ erinnert mich sofort an die Naturauffassung der traditionellen chinesischen Philosophie“, erklärt er. Der Daoismus lehre „der Natur zu folgen“.
Und schon das Buch „Mengzi“ warne: „Verwende keine engmaschigen Netze in den Teichen und gehe nur zur rechten Jahreszeit mit der Axt in die Wälder.“ Im Kern gehe es dabei stets um einen maßvollen und nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Xi Jinpings Ideen zum Thema ökologische Zivilisation erlebt Fidan vor diesem Hintergrund als „schöpferische Transformation“ und „innovative Weiterentwicklung“ dieser traditionellen Philosophie.
„Die Chinesen“, so sagt er, „betrachten die Natur seit jeher als organisches Ganzes, mit dem man harmonisch zusammenleben muss, nicht als Objekt der Eroberung.“ Die Stärke des Satzes „Grün ist Gold“, der in näher am Original bleibenden Übersetzungen auch oft als „Klare Gewässer und grüne Berge sind so wertvoll wie Gold- und Silberberge“ wiedergegeben wird, liege darin, dass er mit einfachsten Worten eine weltweite Frage beantworte: Lassen sich Entwicklung und Naturschutz miteinander vereinen?
Fidan sagt: „Die Antwort ist für mich eindeutig: Man muss grüne Berge und klare Gewässer nicht für Reichtum opfern, da sie selbst den wertvollsten Reichtum bilden.“ Dieser Gedanke gebe der gesamten Welt wichtige Impulse. „Um Umweltprobleme zu lösen, sollte man sich vielleicht nicht nur auf Technologie und Märkte verlassen, sondern auch in alten Zivilisationen wie der chinesischen jene Weisheiten über Mäßigung und Koexistenz neu entdecken“, rät er.
Giray Fidan vor dem ehemaligen Wohnhaus von Lao She (Foto: Interviewpartner)
Aus einer Tasse Kaffee lesen
Eine weitere Veränderung, die Giray Fidan mit Staunen erfüllt, ist die Bedeutung von Kaffee. „China ist traditionell ja ein Land der Teetrinker. Noch vor einigen Jahren war es richtig schwierig, in China eine gute Tasse Kaffee zu finden. Heute gibt es überall schöne Cafés.“ Für Fidan steckt in dieser Beobachtung eine tiefere Bedeutung. Dass eine Gesellschaft mit tief verwurzelter Teekultur in kürzester Zeit Kaffee als Genussmittel annehmen und verbreiten könne, zeugt für ihn von Gelassenheit. Es gebe weder Abschottung noch blinde Nachahmung. Der Siegeszug des Bohnengebräus spiegele Chinas Offenheit und kulturelles Selbstvertrauen wider, findet er. Das Land suche aktiv den Austausch mit der Welt, bewahre sich zugleich aber seine kulturelle Eigenständigkeit.
„Im Buch der Wandlungen steht: Wer sich wandelt, kommt zum Durchbruch, wer zum Durchbruch kommt, hält lange an“, sagt Fidan. Er sieht in diesem „Wandel“ und dem „Durchlass“ die Antwort auf eine Frage, der letztlich jede Zivilisation auf dem Weg zur Modernisierung begegne, nämlich wie man das Verhältnis zwischen fremder Kultur und einheimischer Tradition gestalten solle.
Sein Blick richtet sich hier auf einen zentralen Ansatz: Chinas Verbindung der Grundgedanken des Marxismus mit der Essenz der traditionellen chinesischen Kultur. Für Fidan liege die große Bedeutung dieser Verbindung darin, dass Tradition auf diese Weise nicht mehr eine Belastung darstelle, sondern eine Wurzel.
Die Erklärung sei simpel: „Es gibt keine Modernisierung aus dem Nichts. Die Modernisierung jedes Landes fließt immer durch das Flussbett des eigenen Zivilisationsstromes“, sagt er. „Und China hat hier den Weg der genannten ‚Verbindung gewählt.“
Übersetzungen von Giray Fidan: Die Cover der türkischen Ausgaben von „Die Kunst des Krieges“ (links) und „Der Traum der Roten Kammer“ (rechts) (Foto: Interviewpartner)
Mix aus Klassikern und modernen Werken
Heute überträgt Giray Fidan noch immer klassische Werke der chinesischen Zivilisation für seine Leser ins Türkische, eines nach dem anderen. Die Geschichte dieser Übersetzungsreise begann einst in Beijing, während seiner Promotionszeit an der Beijinger Universität für Sprache und Kultur. Damals versuchte sich Fidan erstmals daran, die Gespräche des Konfuzius zu übersetzen. Er merkte schnell, dass Übersetzung keineswegs einfache Sprachumwandlung sei. „Um türkischen Lesern beispielsweise den Begriff ‚Ren‘ (menschliche Güte) verständlich zu machen, kann ich nicht einfach ein fremdes Konzept wörtlich übersetzen, ich muss eine passende kulturelle Entsprechung finden.“
Nach seiner Rückkehr in die Türkei setzte er sich zwei Ziele: die Neuübersetzung klassischer Werke und die Vorstellung zeitgenössischer chinesischer Literatur. Er bemerkte, dass viele chinesische Klassiker, die bereits in türkischer Übersetzung vorlagen, meist aus Drittsprachen wie dem Englischen übertragen worden waren, wodurch zwangsläufig Informationen verloren gingen. Fidan bestand darauf, direkt aus den chinesischen Originaltexten zu übersetzen. Die gemeinsam mit Professor Ou Gang übersetzte Ausgabe von „Die Kunst des Krieges“ war die erste direkte Übersetzung aus dem klassischen Chinesischen ins Türkische. Seit ihrer Veröffentlichung wurde sie innerhalb von zwölf Jahren 31-mal nachgedruckt und löste in der Türkei eine Welle des Interesses an antiker chinesischer Weisheit aus.
Bei der Vorstellung zeitgenössischer Werke gilt für ihn als Maßstab, dass die Texte gemeinsame menschliche Emotionen ansprechen und gleichzeitig Einblicke in das echte zeitgenössische China gewähren sollen. Seine Übersetzung des Romans „Die gewöhnliche Welt“ etwa, der den Kampf der einfachen Leute auf dem Lössplateau schildere, spreche mit Themen wie Heimatverbundenheit und Kampfgeist auch viele türkische Leser an.
Derzeit arbeitet Fidan an seinem bislang schwierigsten Projekt – „Der Traum der Roten Kammer“. Er betrachte diese Arbeit als ultimative Prüfung seiner sinologischen Fähigkeiten, sagt er bescheiden. Nachdem 2023 der erste Band der türkischen Ausgabe erschienen war, musste dieser schnell nachgedruckt werden, was ihm großes Vertrauen gab.
„Bücher sind die stabilste Kulturbrücke“, sagt er. Ob die Übersetzung klassischer Literatur oder die Vorstellung zeitgenössischer theoretischer Werke wie „Xi Jinping: China Regieren“ – all diese Schriften dienten dem Bau von Brücken zwischen der chinesischen und türkischen Zivilisation.
Vom Jungen, der von „Ma Liangs Zauberpinsel“ fasziniert war, bis hin zum Sinologen, der mit dem „Special Book Award of China – Young Achievement Award“ ausgezeichnet wurde: Giray Fidans Lebensweg ist ein Spiegelbild der intensiven Interaktion zwischen China und der Welt. Fast jeden Tag sitzt er einige Stunden an seinem Schreibtisch. Sein Übersetzungsstift verbindet dabei die alten Wurzeln der chinesischen Zivilisation mit den Herzen chinainteressierter türkischer Leser von heute.