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Armutsbekämpfung durch faires Wachstum: Ein Rückblick auf Chinas einmalige Erfolgsgeschichte

2026-05-19 10:00:00 Source:german.chinatoday.com.cn Author:Nils Bergemann*
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In Zeiten, in denen sogar in vormals stolzen Industrieländern Jobs, Renten und eine gute Zukunft nicht mehr sicher sind, kann die Geschichte einer Nation Mut machen, die sich vom Entwicklungsland mit sichtbarer Massenarmut innerhalb von nur 50 Jahren an die Spitze der Weltwirtschaft hochgearbeitet hat. 

  

Als ich Mitte der 1980er Jahre zum ersten Mal mit meinen Eltern nach China reiste, war Armut überall sichtbar. Die Leute trugen sehr einfache Kleidung. In den Großstädten lebten die meisten Menschen in sehr beengten Verhältnissen. Wanderarbeiter schliefen manchmal in Schichten im selben Bett. Freizeit war zu dieser Zeit ein Fremdwort und Fleisch für viele Chinesen ein Luxus. 

  

Wenn ich heute, Jahrzehnte später, hier in China auf ältere Menschen treffe, die noch selbst auf den Feldern oder in den Fabriken geschuftet haben und ausgezehrt scheinen, siehe ich dennoch Frieden und Zufriedenheit in ihren Augen. Sie haben etwas aufgebaut für ihre Kinder und Enkel. Sie waren Teil der größten sozialen Transformation in der Menschheitsgeschichte, und sie sind stolz darauf. Armut ist kein Naturzustand oder Schicksal. Armut kann durch kluge politische Entscheidungen überwunden werden. China hat das bewiesen. 

  

Xinjiang als Beispiel für den Erfolg 

Das Uigurische Autonome Gebiet Xinjiang, in dem die turksprachigen Uiguren die größte Bevölkerungsgruppe stellen, ist ein Beispiel für den Erfolg solcher Maßnahmen. Heute ist es kein abgelegenes Randgebiet mehr, sondern ein logistisches Drehkreuz zwischen China und Europa, und entsprechend dynamisch entwickelt sich die Region. Seit dem Aufbau der China-Europa-Güterzugverbindungen im Jahr 2011 sind über die Grenzterminals Horgos und Alashankou mehr als 100.000 Züge gefahren. Allein 2025 waren mehr als 18.000 Güterzüge über die beiden Terminale in Xinjiang gefahren – 90 Prozent des gesamten Güterverkehrs zwischen China und Europa. Die Zahlen steigen weiter. 

  

Nur wenn Arbeit, Ausbildung und Perspektiven vor Ort vorhanden sind, können sich Dörfer, Städte und Provinzen weiterentwickeln. Mein Eindruck aus dem internationalen Landhafen von Ürümqi bestätigt das.  

  

Mein persönliches Highlight war der Besuch einer Autofabrik. Das Montagewerk von GAC Motor befindet sich in der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungszone von Ürümqi – das klingt so zunächst nicht ungewöhnlich. Aber der chinesische Automobilhersteller hat seinen Stammsitz in Guangzhou in der südlichen Provinz Guangdong. Er hat auf den ersten Blick nichts zu gewinnen, wenn er Autos in der weit entfernten nordwestlichen Provinz Xinjiang zusammenbauen lässt. Doch genau das macht GAC Motor seit 2018.  

  

Akkuschrauber, hydraulische Maschinen, kleine Transportroboter und Hämmer sorgten für ein wohlklingendes Konzert in der riesigen Werkhalle, das immer wieder vom Hupen fertiggestellter, frisch getesteter Autos unterbrochen wurde. Der alte Ford hätte seine helle Freude an der Produktionsstraße des chinesischen Automobilherstellers GAC Motor gehabt. 

 

 


Investitionen in die Menschen in Xinjiang: Eine Autofabrik in Ürümqi (Foto: Nils Bergemann) 

  

Was viele Chinesen zufrieden macht, ist die breite Teilhabe am Aufstieg in ihrem Land. Der Aufstieg aus der Armut mit Aussicht auf bescheidenen Wohlstand hat in China Millionen Gesichter. Alijan Tursuns freundliches Gesicht ist eines davon. Ich spreche mit ihm in seiner landwirtschaftlichen Genossenschaft für Datteln und Walnüsse. Betriebsleiter Tursun hat nur neun Jahre lang die Schule besucht und danach direkt praktisch gearbeitet. Der dreifache Vater, der privat gerne Zierpflanzen züchtet, ist ein echter Macher. Mit klugen Entscheidungen und harter Arbeit hat er das Jahreseinkommen seiner Familie von 50.000 Yuan (etwa 6250 Euro) auf stolze 220.000 Yuan (rund 27.500 Euro) vervierfacht. 

 

 

 

Ein echter Macher: Alijan Tursun vor seinen Walnüssen (Foto: Nils Bergemann) 

  

Der pfiffige Mann geht mit der Zeit: Da sich seine köstlichen, leicht knackbaren Papierschalen-Walnüsse ohne Schale viel teurer verkaufen lassen, liebäugelt er mit dem Kauf einer Knackmaschine. Alijan Tursun plant auch ein eigenes Geschäft. Er will leckere Lamm- und Rindfleischspieße in ganz China verkaufen, zunächst probeweise in Shanghai oder Beijing. 

  

Aus ähnlichem Holz ist auch der Holzschnitzer Alim Osman geschnitzt. Einen kleinen Betrieb baute er zu einem mittelständischen Unternehmen aus. Er gab Nachbarn eine Chance, in dem er sie ausbildete. So schuf er neue Einkommensquellen im Dorf. 

  

 


Bringt sein Dorf voran: Kunsthandwerker Alim Osman (links neben dem Autor) (Foto: Nils Bergemann) 

  

Armutsbekämpfung funktioniert, wenn günstige politische Rahmenbedingungen es Menschen ermöglichen, voranzukommen und anschließend andere mitzuziehen. Wissen wird weitergegeben und Strukturen entstehen organisch. 

  

Meine Geschichten stehen stellvertretend für enorme Entwicklungssprünge: Bis 2020 wurden in Xinjiang rund 3,06 Millionen Menschen aus der Armut geholt. Seitdem hat sich das Einkommensgefälle zwischen Stadt und Land noch einmal verringert. Die Zahl der Menschen mit sehr niedrigem Einkommen ist deutlich zurückgegangen. Die Entwicklung hat sich fortgesetzt.  

  

Trotz der rasanten Entwicklung wird in China nicht alles zum Einheitsbrei. China legt Wert auf Vielfalt. In Xinjiang ist uigurische Kultur allgegenwärtig, etwa auf Basaren, in Musik und Tanz sowie im Handwerk. Ich habe große Lebensfreude gesehen, gerade bei Tänzern. 

  

 

 

Kulturperle: Uigurische Tänze sind besonders ausdrucksstark. (Foto: Nils Bergemann) 

  

Kultur ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Tourismus funktioniert nur, wenn Orte nicht wie geklont aussehen. Xinjiang hat klare Alleinstellungsmerkmale. Das Naan-Brot und die Lammspieße sind zum Beispiel schwer zu übertreffen. 

  

„Länderfinanzausgleich“ auf Chinesisch  

Wenn wohlhabendere Provinzen ärmere Regionen bei der Entwicklung unterstützen, ist das mehr als nur ein Freundschaftsdienst: Es ist vor allem eine Investition in die Menschen vor Ort und in die Zukunft.  

  

Die Kombination aus Infrastrukturausbau, Industrieansiedlung und gezielter Förderung der ortsansässigen Bevölkerung ist kein Zufall. China hat seit den 1990er Jahren massiv in die Infrastruktur investiert, in Schienen, Straßen, Datenautobahnen, Häfen, Bahnhöfe, Flughäfen, Schulen und Universitäten. Die Regierung schuf überall Zugang zu Märkten, Bildung und Arbeit. Programme, bei denen wohlhabendere Provinzen strukturschwächere Regionen unterstützen, – sogenannte „Pairing Assistance“ – spielen eine zentrale Rolle. Sie bringen Kapital, Ausbildung und Know-how. Studien zeigen, dass genau diese Form der Unterstützung entscheidend zur wirtschaftlichen Entwicklung vieler Regionen in Xinjiang beigetragen hat. 

  

Ürümqi ist eine wichtige Stadt auf der Seidenstraße und das Tor zu Europa. Eine Präsenz vor Ort ist daher strategisch sinnvoll. Und die Qualifizierung von Einheimischen durch Ausbildung und Arbeit macht das Uigurische Autonome Gebiet Xinjiang noch attraktiver für Unternehmen aus aller Welt. 

  

Kurzfristige Hilfe kann notwendig sein, entscheidend sind jedoch langfristige Investitionen in die Grundlagen eines Landes. Auch beim Wachstum ging China einen eigenen Weg. Statt darauf zu hoffen, dass Wohlstand „nach unten durchsickert“, wurde gezielt in untere Einkommensgruppen investiert. Der Rückgang der Armut ist vor allem auf steigende Einkommen der Betroffenen selbst zurückzuführen. Wachstum und soziale Entwicklung wurden bewusst miteinander verknüpft. 

  

Die größte Armutsüberwindung der Geschichte – und warum sie bis heute nicht jeder kennt 

  

Mehr als 800 Millionen Menschen wurden in China in den vergangenen gut fünf Jahrzehnten aus der Armut befreit. Neben der Kraftanstrengung eines ganzen Volkes lag die Hauptursache für diesen Erfolg in richtiger Politik: Investitionen, Reformen und Öffnung zugunsten aller Chinesen. 

  

Zugleich war es auch der größte Beitrag zur globalen Armutsbekämpfung überhaupt. Mehr als 70 Prozent der weltweiten Reduktion extremer Armut in diesem Zeitraum gehen auf China zurück. Wer online nach „Armutsbekämpfung China“ sucht, findet dennoch erstaunlich wenig – selbst auf Englisch. Das ist bedauerlich. Denn man könnte hervorragend darüber diskutieren, ob es für einen solchen Kraftakt auch einen starken Staat braucht und wenn ja, wie der beschaffen sein muss. 

  

Ich denke, ein starker Staat, der eingreift und steuert, ist nur dann sinnvoll, wenn die politischen Entscheidungsträger klug, kompetent und dem Gemeinwohl verpflichtet sind. Es braucht dafür eine echte Elite, im Sinne einer Auswahl der Besten. 

  

Gute Politik erkennt man sehr einfach, nämlich an den Ergebnissen. Wachstum muss bei der breiten Bevölkerung ankommen, nicht nur bei einigen Superreichen. China setzte auf Taten statt auf lange Diskussionen. Mit der Strategie der „zielgenauen Armutsbekämpfung“ wurde jeder betroffene Haushalt ermittelt und gezielt unterstützt. Millionen Funktionäre gingen in die Dörfer, um konkret herauszufinden, woran es fehlt und was getan werden muss. Armut wurde so nicht nur verwaltet, sondern Schritt für Schritt überwunden. 

  

Armut und Ungleichheit gingen deutlich zurück. Die Einkommen in ländlichen Regionen stiegen spürbar. Das war kein Zufall, sondern das Resultat politischer Entscheidungen. Es gab kurz- und langfristige Lösungen. Kurzfristig bedeutete, Menschen umzusiedeln oder Experten und wichtige Güter zu schicken. Langfristig bedeutete, die Orte besser anzubinden. Entscheidend war dabei der Ansatz, auf Entwicklung und Hilfe zur Selbsthilfe zu setzen statt auf dauerhafte Unterstützung. Es ging darum, Menschen das Fischen beizubringen und nicht darum, ihnen Fische aus anderen Orten zu bringen. China bewies, dass gesunder Menschenverstand, ganzheitliches Denken und Pragmatismus funktionieren.  

  

Wie geht es weiter nach dem großen Erfolg? 

Extreme Armut ist weitgehend überwunden, doch relative Unterschiede bleiben. Gleiche Chancen für alle zu schaffen, ist eine weitere Herausforderung. China richtet den Blick stärker auf die Entwicklung ländlicher Regionen. Es geht dabei nicht mehr um einen vollen Magen. Lebensqualität und Perspektiven stehen im Vordergrund. Sowohl Armutsbekämpfung als auch eine stetige Verbesserung des Lebensstandards werden als gesellschaftliche Aufgaben verstanden. 

  

Wenn ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen Armut so stark reduzieren kann, stellt sich eine naheliegende Frage: Warum gelingt das anderswo oft nicht? Warum wird Armut vielerorts verwaltet statt überwunden? Und wie kann es sein, dass heute selbst reiche Industrieländer mit Kinder- und Altersarmut kämpfen? 

  

Am Ende ist es eine Frage der Prioritäten. 

  

*Nils Bergemann ist studierter Journalist mit langjähriger Erfahrung als Redakteur und Kommunikationsexperte bei Verlagen und anderen Unternehmen. Zuletzt arbeitete er fünf Jahre für die China Media Group. Weiterhin in Beijing lebend unterrichtet er seit 2023 Deutsch, Sprachwissenschaften und Wirtschaft an der University of International Business and Economics. 

 

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