„China ist nicht so, wie es im deutschen Fernsehen gezeigt wird“, sagt Jian, mein Sitznachbar für den elfstündigen Flug nach Shanghai. Jian ist Ingenieur für Robotik und hat zeitweise in Deutschland studiert. Später kam er noch einmal für ein Praktikum nach Duisburg, um auf dem Hafengelände autonom fahrende Reinigungsmaschinen zu testen. Irgendwann, so sagt er, werden wir in selbstreinigenden Städten leben. Aber noch „funktionieren die Dinge nicht, wie sie sollen“, ergänzt er lachend.
Jian berichtet von Hochgeschwindigkeitszügen, den Fortschritten bei KI-Anwendungen, bei der Elektromobilität und der Internet-Infrastruktur. Er wundert sich über die in Europa klaglos hingenommene Abhängigkeit von US-Techkonzernen, die hinter nahezu jeder wichtigen Anwendung stecken.
Ich erzähle von meiner bevorstehenden Reise: Auf Einladung der Internationalen Abteilung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas wollen wir – eine Gruppe von Journalistinnen und Journalisten aus 21 Ländern – die Volksrepublik vom Süden in den Norden durchqueren, und dabei die wichtigsten Stationen des „Langen Marsches“ aufsuchen, dessen Ende sich in diesem Jahr zum 90. Mal jährt.
Unser erstes Ziel, die Provinz Jiangxi, gilt als Wiege der Revolution. In Ruijin fand im Jahr 1931 der erste Sowjetkongress in China statt. Wer mehr über das Wirken der Partei in der Bevölkerung erfahren will, findet im Bezirk Shazhouba einen kleinen, unscheinbaren Brunnen. Mao Zedong ließ diesen in einer gemeinsamen Aktion von Rotarmisten und Dorfbewohnern graben, um die Wasserversorgung für die ansässigen Bauern zu erleichtern. Heute ist der Brunnen ein Symbol für die enge Verbindung zwischen Landbewohnern und Revolutionären. Ohne die lokale Bevölkerung, die die Rotarmisten mit Nahrungsmitteln, Booten und wertvollen Ortskenntnissen unterstützte, wäre der Lange Marsch schon früh gescheitert.
Wir verlassen die „Wiege der Revolution“ und machen uns auf den Weg in die Provinz Guizhou. Stolz erzählen die Einwohner von den großen Veränderungen. Hier wurden mehr als 9,2 Millionen Menschen aus der Armut befreit, fast zwei Millionen aus unbewohnbaren Gebieten umgesiedelt. Heute sind alle größeren Städte an das Hochgeschwindigkeitsbahnnetz angeschlossen und über Straßen und Flughäfen zu erreichen.
Aus dem früheren Armenhaus ist zudem ein Hightech-Standort der Digitalindustrie geworden. Dank massiver Investitionen wurden komplette Produktionsketten zum Ausbau erneuerbarer Energien aufgebaut, von Photovoltaik-Elementen bis zu modernen Batterien. Der ÖPNV ist inzwischen vollständig elektrifiziert. Auch beim Einsatz autonom fahrender Systeme ist man bereits ziemlich weit, wie wir während einer Rundfahrt im (erdapfelförmigen) „Kartoffelbus“ erfahren dürfen, der sich ohne Fahrer durch den Großstadtverkehr in der Provinzhauptstadt Guiyang wühlt.
Hinter diesen Entwicklungen steht eine Politik, die nichts dem Zufall überlässt – oder besser gesagt: die den Zufall zu beherrschen versucht. Im Amt für auswärtige Angelegenheiten der Provinz erhalten wir einen Überblick über die Kunst, die Ziele des chinesischen Fünfjahresplans auf Guizhou herunterzubrechen. Eine Vertreterin der Entwicklungs- und Reformkommission klärt uns über die mehrgleisige Investitionsstrategie auf. Die Provinz investiert parallel in konkurrierende potentielle Zukunftstechnologien, um strategische Optionen abzusichern. Somit entstehen Infrastrukturen und Produktionsstandorte schon, bevor richtig klar ist, was sich durchsetzen wird.
Bemerkenswert ist auch die Rolle der Ökologie in der Wirtschaftspolitik. Eine intakte Umwelt wird explizit als schützenswerter Produktionsfaktor begriffen. Der Erhalt von Wäldern und Naturlandschaften ist zur Planerfüllung ebenso notwendig wie der Umstieg auf erneuerbare Energien.