Anfang Oktober konnten China und die EU eine Einigung über den Handel mit Hybridfahrzeugen erzielen. Das zeigt, dass China weiterhin ein großes Interesse an einer Win-win-Partnerschaft mit Europa hat. Vor allem aber wurde damit ein weiterer Preis- und Zollkrieg vermieden, der nur zur Eskalation in Handelskonflikten geführt hätte.
Doch während diese Einigung Hoffnung macht, höre ich aus der Politik andere Töne, die mich sorgen. Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schlagen eine wirtschaftliche „Zweitschlagwaffe“ vor. Das neue Instrument soll Europa in die Lage versetzen, rasch und kraftvoll „zurückzuschlagen“. Die EU könnte den Zugang zum europäischen Binnenmarkt einschränken – im äußersten Fall bestimmte Anbieter oder Waren im Eilverfahren ausschließen. Ich halte das für grundfalsch. Wenn wir so etwas einsetzen, starten wir einen neuen Wirtschaftskrieg. Ein solches Vorgehen würden wir gegenüber den USA ebenfalls nicht akzeptieren. Wir brauchen einander und sollten uns nicht gegenseitig bedrohen. Neue Mauern helfen niemandem. Sie erwecken zudem den Eindruck von Willkür. Bei einem neuen Wirtschaftskrieg ist nur Europa der große Verlierer. Leider haben das unsere Politiker bisher nicht erkannt.
Ein ausgeglichener Handel kommt allen zugute
Nach Angaben des Europäischen Statistikamts verzeichnete die EU im vergangenen Jahr ein Warenhandelsdefizit mit China von rund 360 Milliarden Euro. Einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge dürfte das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China 2026 erstmals mehr als 100 Milliarden Euro betragen. Als Ursachen werden unter anderem Dumping, umfangreiche Subventionen und Währungsmanipulationen genannt. Diese oft genannte Erklärungen sind meist unbewiesene Schutzbehauptungen und falsch. Man sollte dennoch anstreben, dass der Handel zwischen Deutschland und China im Großen und Ganzen ausgeglichen ist. Langfristig profitieren beide Partner von einem stabilen Gleichgewicht.
Nicht China ist das Problem – Die Krise ist hausgemacht
Die Debatte über China lenkt häufig davon ab, dass viele Probleme der deutschen Autoindustrie hausgemacht sind: Man vertraute zu lange auf die Stärken beim Verbrennungsmotor und hat den Wandel zu Elektroautos, Software und digitalen Geschäftsmodellen unterschätzt. Gleichzeitig bremsen komplexe Entscheidungsprozesse, hohe Kosten und zu langsame Entwicklungszyklen die Unternehmen gegenüber schnelleren chinesischen Wettbewerbern. Deutsche Hersteller versäumten auch, früher mutiger zu experimentieren, Schlüsseltechnologien strategisch abzusichern und Innovation schneller vom Prototyp in die Produktion zu bringen. Die Branche verzeichnet daher heute zum Teil drastische Gewinneinbrüche und verliert im internationalen Wettbewerb gegen die Konkurrenz aus Asien und den USA an Boden. Selbst der Verband der Automobilindustrie (VDA) hat begonnen, seine Chinaposition neu auszurichten.
Statt Schutzmaßnahmen zu fordern, sollten wir lieber zuerst auf die heimischen Ursachen für die Probleme deutscher Autobauer und Zulieferer schauen: Wir haben in Deutschland die höchsten Löhne, die höchsten Energiepreise, schlechte Straßen und Zugverbindungen – sprich wachsende Mängel in der Infrastruktur –, hohe Unternehmenssteuern und schlechtes Internet. Kurzum: Es kommt alles zusammen, was dem Rückgrat der deutschen Industrie die Stärke und damit die Wettbewerbsfähigkeit raubt. Deutschland ist wirklich ein Sanierungsfall, und darunter leiden die Autobauer und Zulieferer sehr.
Die Beschäftigung in der deutschen Autoindustrie sinkt rapide. Jetzt haben wir noch 695.000 Beschäftigte. Vor einigen Jahren waren es 840.000. Daher hat BMW die Produktion seines neuen Modells nach Ungarn verlegt, gleiches gilt für Mercedes. VW hat die Produktion seiner neuen kleinen Elektromodelle nach Spanien verlegt. All das zeigt die schwierige Lage des Standorts Deutschland.
Aber es kommt noch mehr dazu: strategische Fehler bei den Autobauern. Die Volkswagen-Gruppe hat mit seiner sogenannten SSP-Plattform ein großes Problem. Oder Cariad: Das war ein sehr großes und teures Abenteuer für VW. Man wollte sein eigenes Betriebssystem für das Auto machen und ist gescheitert. Grundsätzlich gilt: Der Weg, in Deutschland die Fahrzeuge zu entwickeln, bringt immer größere Wettbewerbsnachteile mit sich. Moderne Autos – einschließlich autonomen Fahrens und Smart Cockpit – werden heute in China gefertigt. Dort sollte man die Fahrzeuge weiter entwickeln und nicht in Wolfsburg, Stuttgart, Ingolstadt oder München, wo dies gar nicht mehr rentabel geht.
Die Zukunft heißt Kooperation, nicht Distanzierung
Der chinesische Automarkt ist heute der mit Abstand wichtigste Markt der Welt. Und das nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch wegen der Innovationsstärke. Das Auto der Zukunft kommt aus China. Daher müssen die deutschen Autobauer stark daran arbeiten, in China wieder mehr Fuß zu fassen. Das kann nur durch eine Ausrichtung auf China und in Zusammenarbeit mit den wichtigen Tech-Konzernen in China gehen.
Statt dem gefährlichen Trend der Distanzierung und des Mauern-Bauens zu folgen, sollten wir die Nähe zu China suchen. Wer den Anschluss verliert, verliert schnell auch die Wettbewerbsfähigkeit. Die Kooperation mit den großen chinesischen Technologieriesen wie Huawei, Tencent, CATL, Gotion hilft uns, unsere Autos schneller auf den neuesten Stand der Technik zu bringen.
Was das autonome Fahren betrifft, ist China auch Weltspitze. Momenta, Huawei, Horizon Robotics sind dabei wichtige Unternehmen, deren Produkte hervorragend ins Auto von morgen passen. Im Bereich der Batterietechnik arbeitet der Hersteller Gotion übrigens eng mit der Volkswagen-Tochter PowerCo zusammen. Wenn man es schafft, AI-Forschungszentren und Rechenzentren in Deutschland – als geschlossene Systeme, etwa von Tencent – zu betreiben, könnte das spannend werden.
Wichtig ist, dass sich auch die Politik offen für deutsch-chinesische Zusammenarbeit zeigt. Offenheit und Vertrauen aufzubauen braucht Zeit und gegenseitiges Verständnis. Eine weitere Verbesserung der deutsch-chinesischen politischen Beziehungen wäre hier sehr wichtig. Den Rahmen für ein gemeinsames Forschungsprogramm zwischen Deutschland und China festzulegen könnte ein wichtiger erster Schritt sein.
*Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer ist deutscher Autoexperte. Er war lange Direktor bei CAR – Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen, bevor er eine eigene Gesellschaft gründete, die Ferdi Research GmbH mit Sitz in Bochum.
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