Vor rund 40 Jahren war ich als Kind mit meinen Eltern das erste Mal in China. 2011 folgte eine lange Rundreise und seit Ende 2017 arbeite ich nun schon in Beijing. Chinas Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten sind vor Ort und vom Mond sichtbar – so wurden zum Beispiel bereits 66 Milliarden neue Bäume in Nord-, Nordost- und Nordwestchina gepflanzt, um Land von den Wüsten zurückzuholen sowie Erosionen und Sandstürme zu verhindern. Bis 2050 sollen es insgesamt 100 Milliarden neue Bäume sein. Da großen Worten in den Fünfjahresplänen stets auch große Taten folgen, wird dieses Ziel sicher erreicht werden. Allein in Wuqi, einem Ort entlang der Route des Langen Marsches, wurden bis 2025 schon mehr als rund 1700 Quadratkilometer Farmland in Grasland und Wald umgewandelt.
Unbeirrt vom Kopfschütteln westlicher Analysten hat China Billionen investiert, um selbst abgelegene und sehr kleine Dörfer an ein gigantisches Straßen- und Schienennetz anzubinden und zu modernisieren. Offenbar zählt jeder Chinese, egal wo er lebt. 800 Millionen aus der Armut befreite Menschen im Land sprechen ebenfalls für diese These.
China setzt sich extrem hohe Ziele und scheut keine Anstrengungen, diese umzusetzen. In sehr vielen Bereichen ist das Land anderen Ländern inzwischen um Jahre voraus. Deshalb muss sich die Volksrepublik selbst motivieren. Anstatt sich auf den eigenen Lorbeeren und dem bescheidenen Wohlstand auszuruhen, befindet sich China immer noch auf seinem „Langen Marsch“ zu neuer Größe. Ein nie endender Marsch.
Ich denke, dass „Die Reise nach Westen“ von Mönch Xuanzang mit dem Affenkönig Sun Wukong und drei weiteren Gefährten in Deutschland sogar bekannter ist als die wahre Geschichte von Chinas 12.500 Kilometer Langem Marsch. Die meisten Deutschen haben noch nie davon gehört. Wer den Langen Marsch kennt, beschreibt ihn meist als einen strategischen Rückzug während des chinesischen Bürgerkriegs unter außergewöhnlich schwierigen Bedingungen. Diese Beschreibung ist nicht völlig falsch, aber unvollständig, da sie die viel weitergehende Bedeutung des Langen Marsches ausklammert.
In Deutschland ist Geschichtsunterricht oft eine Warnung. In China ist er vor allem eine Quelle der Orientierung. Der Lange Marsch ist nicht nur wegen der ertragenen Entbehrungen fester Bestandteil der chinesischen Erinnerungskultur, sondern wegen der großen Geschichte von Aufopferung, Ausdauer, Zusammenhalt, starkem Willen, Hoffnung, Bestimmung, Erneuerung, Identität und Liebe zum Vaterland. Und große gemeinsame Anstrengungen stiften Sinn.
Der lange Marsch ist eine der interessantesten Erzählungen über Menschen, die niemals aufgeben. Das leise, harte Arbeiten für Ziele über Jahre, Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende ist typisch chinesisch. Diese nationale Charaktereigenschaft ist vielleicht die beste Erklärung für den Siegeszug Chinas im 21. Jahrhundert – ganz ohne Kriege. Viele „Westler“ übersehen diese einfache Erklärung – vielleicht, weil sie solche kollektiven Anstrengungen nicht oder nicht mehr kennen. Demut, Opferbereitschaft, Gemeinschafts- und Kampfgeist sind für viele Menschen heute Fremdwörter.
Viele Generationen von Chinesen arbeiteten hart auf den Feldern und in den Fabriken für ihre Kinder und auch für die Zukunft ihres Landes, ohne die Fortschritte dann selbst noch erleben zu können. Aber diese Menschen waren wahrscheinlich gar nicht so unglücklich, wie wir heute denken, denn sie hatten ein gemeinsames Ziel vor Augen: ein besseres Leben für ihre Nachfahren sowie ein starkes, unabhängiges und friedliches China, das nie wieder besetzt werden kann.
Shimen-Tofu im Kreis Ganquan in der Provinz Shaanxi: Der Meister erklärt seine Arbeit. Wer schnell genug ist, kann hier kesselwarmen Tofu essen, denn die Spezialität ist immer schnell ausverkauft. Viele Chinesen zieht es in ihre Heimatorte zurück, weil sie auch dort Geld verdienen können. Gut gemachte TikTok-Videos machen Appetit auf Reisen und Speisen. (Foto: Nils Bergemann)
Ganz im Zeichen des Lotus: eine sympathische Tanzgruppe vor ihrem Auftritt (Foto: Nils Bergemann)
Dieses An-Einem-Strang-Ziehen ohne sich gegenseitig zu übervorteilen oder eine Abkürzung nehmen zu wollen, ist eine Qualität, die heute ihresgleichen sucht. Die Kombination von Kollektivismus, Individualismus und Pragmatismus scheint unschlagbar zu sein. Ich wiederhole hier gerne meinen simplen Maßstab für gute Politik und gute Politiker: Man erkennt sie an den Ergebnissen.
0,0016 Prozent der Originalstrecke: kleiner Zwei-Kilometer-Bergspaziergang des Autors auf den historischen Spuren des Langen Marsches am Gelao-Kurierposten
Historisch gesehen war der Lange Marsch von 1934 bis 1936 der Moment, in dem die Kommunistische Partei Chinas eine der größten Herausforderungen ihrer Geschichte überstand, sich neu organisierte und einen neuen Weg einschlug. Er war ein entscheidender Wendepunkt, der den Fortbestand der Kommunistischen Partei Chinas und ihrer Roten Armee sicherte und damit die Weichen für den späteren Sieg im Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression, im Bürgerkrieg und schließlich für die Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 stellte.
Jede Nation, die als Nation fortbestehen will, braucht wahrscheinlich eine gut erzählte Gründungsgeschichte. Die Vereinigten Staaten erzählen die Geschichte ihrer Unabhängigkeit, der Gründerväter und eines Volkes, das für Freiheit kämpfte. Deutsche waren stolz auf die Friedliche Revolution von 1989, die Wiedervereinigung und den Erfolg der Demokratie nach der Nazi-Zeit. Das moderne Deutschland hat sich zu einem „Nie wieder!“ selbst verpflichtet.
Chinas historisches Selbstverständnis folgt einem anderen Weg. Der Lange Marsch erklärt, woher das moderne China kommt. Zugleich erklärt er, warum Widerstandskraft, Zusammenhalt und Durchhaltevermögen bis heute so wichtige Werte sind. Die Geschichte endet nicht im Jahr 1936 nach dem Langen Marsch und auch nicht 1949 mit der Gründung der Volksrepublik. Im heutigen China weist der Lange Marsch weiterhin in die Zukunft.
Die Erinnerung an den Marsch der unbeugsamen Chinesen leistet mehr, indem er eine gute Metapher für die kontinuierlichen Weiterentwicklungen Chinas darstellt und zugleich zu solchen motiviert. Viele sprechen deshalb heute vom Neuen Langen Marsch. Der Lange Marsch verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er endet nie. Nur die Ziele von heute sind ganz andere: Sie lauten nationales Wiederaufleben, Modernisierung, Innovation, gemeinsamer Wohlstand und der Chinesische Traum.
Fels-Nase: Yan'an bietet neben historisch bedeutenden Orten auch schöne Landschaften wie diesen mit Moos bewachsenen Grand Canyon von Ganquan. (Foto: Nils Bergemann)
Apropos Träume: Der amerikanische Traum gehört zu den einflussreichsten nationalen Leitideen der Welt. Im Mittelpunkt steht das Individuum und dessen Frage: Wie kann ich mir ein besseres Leben aufbauen? In Deutschland stellt man vor allem eine andere Frage: Was darf niemals wieder geschehen? China fragt: Wohin gehen wir gemeinsam? Keine dieser Fragen ist richtig oder falsch. Sie spiegeln lediglich unterschiedliche historische Erfahrungen wider.